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Robert Bauer
- Haßmersheim -
Druckausgabe der Webseite: www.robert-bauer.eu (Druck: Wednesday, 01.12.2021)

Das Fremdpsychische bei Rudolf Carnap

1 Einführung

Ich sitze hier im Lernraum der Universität Ulm und beschäftige mich nun schon seit vielen Stunden mit mathematischen Beweisen rund um den Hauptsatz der Statistik. Plötzlich erklingt irgendwo am anderen Ende des Raumes ein Mobiltelefon und reißt mich aus meinen konzentrierten Überlegungen. Auch die Kommilitonen an den Nachbartischen scheinen sich durch den aufdringlichen Klingelton gestört zu fühlen. Wie ich blicken auch sie kurz in die Richtung der Geräuschquelle, um sich dann wieder ihrer Prüfungsvorbereitung zu widmen. Besser gesagt nehme ich an, dass sich die anderen Personen im Raum wieder ihren Aufgaben zuwenden - was sollten sie auch anderes tun?

Da in wenigen Tagen der Termin meiner Statistik-Prüfung ansteht, bin ich mittlerweile so durch und durch in diese mathematische Materie integriert, dass ich sogar nachts von Beweisführungen und Übungsaufgaben träume. Am nächsten Tag weiß ich oft gar nicht mehr, ob ich diesen oder jenen Abschnitt schon tatsächlich durchgerechnet habe oder nur in meinem Traum.

Um meinem Gehirn eine kleine Abwechslung zu gönnen, kehre ich nun nicht wieder sofort zum Hauptsatz zurück, sondern spinne den Gedanken ein wenig weiter, was denn gerade jetzt in den Köpfen der anderen Personen im Lernraum vorgeht. Kann ich wirklich auf Grund meiner Beobachtung davon ausgehen, dass sie ganz normal lernen, oder ist jemand unter ihnen, der sich wie ich mit einem ganz anderen Gedanken beschäftigt? Wie kann ich erkennen, welcher Student mit echter Begeisterung lernt und welcher die Prüfungsvorbereitung nur als lästige Pflicht hinter sich bringen will? An der Mimik und Gestik ist das für mich nicht (immer) ersichtlich, da fast alle Personen ruhig und monoton arbeiten.

Und mich beschäftigt noch eine weitere Frage. Kann ich überhaupt davon ausgehen, dass diese Menschen in der Lage sind, zu fühlen, zu denken, zu lernen? Sprechen können zumindest einige von ihnen - das habe ich selbst erfahren, als ich mich mit ihnen unterhalten habe. Und sie haben dabei ähnliche, das heißt mir geläufige Worte, so verwendet, dass ich ohne nachzufragen wusste, wie ich die Sätze zu verstehen habe.

Was wäre aber nun, wenn all diese Menschen gar keine eigenständigen Persönlichkeiten, sondern, aus welchem Grund auch immer, nur perfekt in Szene gesetzte Roboter wären, die sich stets so verhielten, wie ich es von echten Menschen in der jeweiligen Situation erwarten würde und ich damit keinen Grund zum Zweifel an ihrer Authentizität hätte?

Oder noch einen Schritt weiter gedacht: was wäre, wenn es weder Menschen noch Roboter noch sonst irgendwelche Lebewesen und Dinge außerhalb meiner selbst geben würde, das heißt diese Objekte gänzlich nur in meiner Vorstellung existierten? Allzu unrealistisch ist dieser Gedanke vielleicht gar nicht, denn in vielen auf mich real wirkenden Träumen kommen Dinge vor, die ich persönlich nicht mit mir bekannten Objekten aus der "echten" Welt zusammen bringen kann, ich aber im erlebenden Traumzustand als die "wache" Welt bezeichnen würde. Eine solche Täuschungsmöglichkeit meiner selbst besteht also prinzipiell.

 

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