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Robert Bauer
- Haßmersheim -
Druckausgabe der Webseite: www.robert-bauer.eu (Druck: Wednesday, 01.12.2021)

Das Fremdpsychische bei Rudolf Carnap

3.1 Eine interdisziplinäre Diskussionsrunde

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts werden diese positivistischen - noch immer etwas holprigen - Auffassungen weiterentwickelt und zwar an erster Stelle im so genannten "Wiener Kreis". Dabei handelt es sich zunächst um eine informelle Diskussionsrunde junger Wissenschaftler aus mehreren unterschiedlichen Forschungsbereichen, "die sich insbesondere mit der philosophischen, aber metaphysikfreien Grundlegung der modernen Wissenschaft" (Lampert S. 3) befasst. Nach dem Ersten Weltkrieg wird diese Tradition wieder ins Leben gerufen, bis schließlich ab 1924 im so genannten "Schlick-Zirkel" fuss 2 jeden Donnerstagabend im Mathematischen Seminar der Universität Wien regelmäßige Treffen verschiedener Mathematiker, Logiker, Philosophen und Natur- bzw. Sozialwissenschaftler stattfinden. Bekannte Teilnehmer sind neben Rudolf Carnap und Victor Kraft unter anderem Hans Hahn, Otto Neurath sowie zu diesem Zeitpunkt die noch studierenden Herbert Feigl und Kurt Gödel. Teilweise werden auch weitere Treffen mit Alfred Tarski, Willard Van Orman Quine, Ludwig Wittgenstein und Karl Popper arrangiert (vgl. Lampert S. 4, Brockhaus S. 365), die neue Aspekte in die Diskussion einbringen, aber im Allgemeinen nicht direkt dem Wiener Kreis zuzuzählen sind fuss 3.

Diese interdisziplinäre Zusammensetzung ist charakteristisch für den Wiener Kreis und eröffnet zudem viele neue Möglichkeiten im Rahmen eines einheitlichen - von unterschiedlichen Standpunkten gemeinsam konzipierten - Zugangs zur Wissenschaft. Gleichzeitig treffen damit aber auch grundsätzlich divergente Ansätze aufeinander, die nicht immer in Einklang zu bringen sind. Entgegen der geläufigen Meinung über den Wiener Kreis als geschlossene, einheitliche Gruppe ist dieser "alles andere als eine homogene Schulgemeinschaft" mit einer "einheitliche[n] philosophische[n] Meinung ... Im Kreis selbst bilden sich verschiedene Gruppen, die gelegentlich heftig aneinander geraten ... [und die Kontroversen] in späteren Jahren zu ernsthaften Meinungsverschiedenheiten führen" (Mormann S. 21).

 

Fuss       Fussnoten:

2 Die Bezeichnung "Schlick-Zirkel" geht auf den Physiker und Philosophen Friedrich Albert Moritz Schlick (1882 - 1936), einem der führenden Köpfe des Wiener Kreises, zurück. Seine philosophischen Beiträge reichen von der Naturphilosophie und Erkenntnislehre bis hin zur Ethik und Ästhetik (vgl. Wiki_Schlick).

3 "Karl Popper, der nie an den Treffen des Kreises teilnahm, entwickelte seinen Ansatz, den er Kritischen Rationalismus nannte, in Auseinandersetzung mit und in Abgrenzung zum logischen Empirismus des Wiener Kreises" (Wiki_WienerKreis).

 

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