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Robert Bauer
- Haßmersheim -
Druckausgabe der Webseite: www.robert-bauer.eu (Druck: Saturday, 18.09.2021)

Das Fremdpsychische bei Rudolf Carnap

3.3 Carnaps logischer Empirismus

Nun stellt sich natürlich die Frage, wie die Mitglieder des Wiener Kreises und insbesondere Rudolf Carnap mit diesen prägenden Folgerungen umgehen und zu welchen philosophischen Ergebnissen - speziell auch in Hinblick auf das Fremdpsychische - dies letztlich führt. Bei den nachfolgenden Untersuchungen möchte ich mich dabei vor allem auf die Konzeption Carnaps konzentrieren fuss 5, dessen Einfluss auf die Gesamtentwicklung des Wiener Kreises maßgeblich ist und der in der Literatur auch als "führendes Mitglied der logisch-empiristischen Bewegung" (Lampert S. 6) angesehen wird. Zudem wird im Schlick-Zirkel neben Wittgensteins Tractatus auch eines der Hauptwerke Carnaps, der "logische Aufbau der Welt" (1928), intensiv diskutiert. Der Autor selbst betont jedoch: meine "Grundeinstellung und die Gedankengänge dieses Buches sind nicht Eigentum und Sache des Verfassers allein, sondern gehören einer bestimmten wissenschaftlichen Atmosphären an, die ein Einzelner weder erzeugt hat, noch umfassen kann" (Mormann S. 22).

In Hinblick auf das Thema des Fremdpsychischen eignet sich Carnap im Besonderen, da es von ihm genau zu dieser Problematik eine Abhandlung ("Scheinprobleme in der Philosophie. Das Fremdpsychische und der Realismusstreit" (1928)) gibt, die einige Kriterien und Methoden scharf hervortreten lässt.

Dabei darf man aber Carnap nie als einen Einzelkämpfer sehen, der ein eigenes, allein stehendes philosophisches Gebäude errichten will. Ihm geht es vielmehr darum, "ein Feld konzeptueller Möglichkeiten abzustecken, in dem sich die traditionell vertretenen Positionen als partiell gerechtfertigt lokalisieren lassen" (Mormann S. 41). Und so liegen beispielsweise seiner Auffassung des logischen Empirismus, die die Basis für "Aufbau" und "Scheinprobleme" bilden, folgende Positionen zu Grunde: "Philosophen verschiedener Richtungen haben seit langem die Auffassung vertreten, dass alle Begriffe und Urteile aus der Zusammenwirkung von Erfahrung und Vernunft hervorgehen. Im Grunde stimmen Empiristen und Rationalisten in dieser Ansicht überein ...: die Sinne liefern das Material der Erkenntnis, die Vernunft verarbeitet das Material in ein geordnetes System der Erkenntnis. Somit besteht die Aufgabe darin, eine Synthese des alten Empirismus mit dem alten Rationalismus herzustellen" (Aufbau S. X). Eine angemessene Philosophie, die eine solche Synthese vollziehen kann, muss in den Augen Carnaps wissenschaftlich sein, "aber nur in dem Sinne, dass sie dieselben Forderungen stellt, nämlich Standards von Objektivität und Rationalität in der Argumentation" (Weg S. 133). Will man nun eine solche Wissenschaftsphilosophie betreiben und damit die Strenge der naturwissenschaftlichen Vorgehensweisen einhalten, dann ist in dem Feld der konzeptuellen Möglichkeiten kein Platz mehr für Aussagen, die weder auf Erfahrung noch auf Logik zurückgehen. "Aus dieser Forderung zur Rechtfertigung und zwingenden Begründung einer jeden These ergibt sich die Ausschaltung des spekulativen, dichterischen Arbeitens in der Philosophie" (Mormann S. 23). Das damit verbundene Todesurteil für die ganze Metaphysik, deren Themen sich in den Augen Carnaps nicht rational rechtfertigen lassen und damit zu sinnlosen Scheinaussagen verfallen, werden wir später noch einmal genauer beleuchten. Um mit dieser antimetaphysischen Haltung nicht selbst der Metaphysik zu verfallen, ist es ein Hauptanliegen Carnaps, "genaue Kriterien angeben zu können, nach denen man philosophische Methoden als gültig bzw. ungültig beurteilen kann" (Wiki_LogEmp Kap. 1). In "Scheinprobleme" verwendet Carnap namentlich die Sachhaltigkeit als Kriterium für sinnvolle Aussagen (vgl. Scheinprobleme § 7). Und genau diese Sachhaltigkeit wird - wie wir im nächsten Abschnitt sehen werden - zum Verhängnis für zwei grundsätzliche Positionen im Realismusstreit.

 

Fuss       Fussnoten:

5 Wer sich intensiver mit den allgemeinen Konzeptionen des Wiener Kreises und des logischen Empirismus beschäftigen möchte, dem sei an dieser Stelle das so genannte "Manifest des Wiener Kreises" von 1929 ans Herz gelegt. Diese von Neurath, Carnap und Hahn verfasste Schrift mit dem Titel "Wissenschaftliche Weltauffassung. Der Wiener Kreis" (vgl. Manifest) ist insbesondere auch als Antwort auf das zu dieser Zeit vorherrschende gesellschaftliche Umfeld zu verstehen, bei dem "der Irrationalismus unter dem Namen der 'Wiederentdeckung der Metaphysik' überall in bedrohlicher Weise an Boden ... gewinnt ... [und] in den ... Dokumenten öffentlichen Bewusstseins deutlich eine Abkehr von der Objektivität der Vernunft, ja Vernunftfeindschaft sichtbar" (Patzig S. 94f) wird. In wenigen Sätzen werden dort die Vorgeschichte und die Weltauffassung des Wiener Kreises dargelegt und damit seine öffentliche Phase eingeleitet. Dabei ist allerdings zu beachten, dass "das Manifest nur sehr bedingt als Verlautbarung des gesamten Wiener Kreises anzusehen [ist], sondern eher als Deklaration seines linken Flügels" (Mormann S. 26). Insbesondere wird hier sehr stark Carnaps Einfluss auf den Wiener Kreises sichtbar, denn dessen "Aufbau [ist] laut Manifest eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der wissenschaftlichen Weltauffassung zugedacht ... Der Aufbau soll nicht mehr und nicht weniger sein als ihre allgemeine Rahmentheorie" (Mormann S. 26f).

 

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