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Robert Bauer
- Haßmersheim -
Druckausgabe der Webseite: www.robert-bauer.eu (Druck: Saturday, 18.09.2021)

Das Fremdpsychische bei Rudolf Carnap

4.4.1 Die Methode der erkenntnistheoretischen Analyse

Sinn und Zweck der Methode der erkenntnistheoretischen Analyse ist es, beispielsweise die Erkenntnis von Fremdpsychischem so zu analysieren, dass man nach deren Anwendung eine scharfe Trennlinie zwischen zwei Ebenen dieses Erkennens ziehen kann. Ist diese Trennlinie bekannt, können die vermeintlichen Inhalte der beiden Stufen jeweils einzeln - und damit einfacher, weil klarer - auf ihre Sachhaltigkeit untersucht werden.

Eine wichtige These Carnaps in diesem Zusammenhang ist nun folgende: "der erkenntnistheoretische Kern [- das heißt grob formuliert der theoretisch allein relevante Bestandteil -] jeder konkreten Erkenntnis von Fremdpsychischem besteht aus Wahrnehmungen von Physischem" (Scheinprobleme S. 32). Damit tritt das Fremdpsychische an sich quasi nur als theoretisch vernachlässigbarer oder entbehrlicher Überbau auf, da er sich jederzeit aus der Basis des Physischen rekonstruieren lässt. Wahrnehmungen, die physische Vorgänge erfassen, lassen uns damit "zu gegründeten Urteilen über das gelangen ..., was sich 'in ihnen' [- also den anderen Personen -] abspielt" (Patzig S. 107).

Die Methode der erkenntnistheoretischen Analyse besteht nun im Wesentlichen aus zwei Verfahrensschritten, die nacheinander auf ein beliebiges Erlebnis angewendet werden können und die darin enthaltenen, theoretischen Erlebnisinhalte in zwei Bestandteile zerlegen. Entscheidend dabei ist die Tatsache, dass nicht das Erlebnis als solches (das wäre auch gar nicht möglich) aufgesplittet wird, sondern nur dessen (erkenntnis-) theoretischer Gehalt - und dies insbesondere nachträglich in einer abstrakt gedachten Aufteilung. Die zwei Schritte bezeichnen wir im Folgenden als (i) "logische Zerlegung" und (ii) "erkenntnistheoretische Zerlegung" (vgl. Scheinprobleme S. 15).

Die logische Zerlegung in hinreichenden und entbehrlichen Bestandteil

Im ersten Schritt wird der Erlebnisinhalt logisch entzweit und zwar namentlich in "einen 'hinreichenden' und einen 'entbehrlichen' Bestandteil. Der zweite Bestandteil liefert über den ersten hinaus kein neues Wissen; sein theoretischer Gehalt kann aus dem ersten in 'rationaler Nachkonstruktion' durch Schließen gefunden werden" (Scheinprobleme S. 75). Dies bedeutet, dass all jener Informationsgehalt ausgemustert wird, der für weitere theoretische Untersuchungen überflüssig ist, weil er bereits in einer anderen Art und Weise wissenstechnisch im hinreichenden Bestandteil enthalten ist. In unsere heutige Zeit übersetzt könnte man dies vielleicht am besten durch einem Vergleich mit Datenbanken im Rahmen eines Wissensmanagements charakterisieren. Dort ist es ratsam, in der jeweiligen Datenbank sämtliche Informationen nur einmal abzuspeichern, um Redundanz (Überschneidung, Überfluss) und damit verbundene Probleme der Doppel- oder Mehrfachbelegung zu vermeiden. Die logische Zerlegung en...tspricht dann quasi einer Vorbereitung der Rohdaten, um diese in konsistenter Weise in die Datenbank eintragen zu können. Als Trivialbeispiel kann hier eine ganz einfache mathematische Funktion f(x) = x2 dienen. Ist der Computer, auf dem die Datenbank angelegt ist, in der Lage, diese Funktion für beliebige natürliche Zahlen (1, 2, 3, ...) zu berechnen, dann ist es nicht nötig, neben einer Spalte mit allen Zahlen 1, 2, 3, ... auch noch eine Spalte mit den Funktionswerten 1, 4, 9, ... anzulegen, da bereits die erste Spalte hinreichend und die zweite Spalte entbehrlich ist.

Nun stellt sich die Frage, mit welcher Methode die korrekte Funktionalität dieser logischen Zerlegung auch bei komplexeren Aufgabenstellungen, also beispielsweise dem Bereich des Fremdpsychischen, sichergestellt werden kann. Carnap schlägt hier das Kriterium der rationalen Nachkonstruktion vor, was ganz grob formuliert einer Probe entspricht, wie man sie beispielsweise aus dem Mathematikunterricht in der Schule kennt. Genauer: gegeben seien zwei beliebige Erlebnisbestandteile a und b. "Ist der theoretische Gehalt von b nun in a und dem früheren Wissen logisch enthalten [und b damit entbehrlicher Bestandteil], so muss er sich aus diesem durch Schließen herleiten lassen ... Dieses Erschließen ... wollen wir als 'rationale Nachkonstruktion' von b bezeichnen" (Scheinprobleme S. 19). Umgekehrt gilt dann analog, dass b nicht entbehrlicher Bestandteil sein kann, falls er sich nicht aus a und früherem Wissen logisch herleiten lässt.

Will man diese logische Zerlegung nun auf die Erkenntnis von Fremdpsychischem anwenden, dann ist es ratsam, sich zunächst zu überlegen, mittels welcher Szenarien man Wissen um ein konkretes Fremdpsychisches "A" - ausgehend von einem eigenpsychischen Standpunkt - erlangen kann. Tabelle 2 skizziert hierfür drei Wege, jeweils gekoppelt an ein Erlebnis "E1", "E2" beziehungsweise "E3". Weitere Wege zur Erkennung von Fremdpsychischem gibt es laut Carnap nicht (vgl. Scheinprobleme S. 32). In dieser Tabelle sind bereits die einzelnen Bestandteile ai und bi (mit i = 1, 2, 3) eingetragen, welche sich durch die logische Zerlegung ergeben.

Tabelle 2: Drei mögliche Erlebnisse zur Erkennung von Fremdpsychischem

Erlebnis Ei ai (hinreichend) bi (entbehrlich)
i = 1 Ich erlebe, wie mir A seine Bewusstseinsvorgänge mitteilt Wahrnehmung physischer Zeichen (hören/sehen) Verstehen dieser physischen Zeichen
i = 2 Ich erlebe Ausdrucksbewegungen (Mienen, Gesten) oder Handlungen des A Analoge Wahrnehmung wie bei E1 Verstehen dieser Wahrnehmung (analog)
i = 3 Ich vermute ein Wissen um die Bewusstseinsvorgänge des A, weil ich seinen Charakter kenne und ich außerdem weiß, unter welche äußeren Bedingungen er jetzt geraten ist Grundsätzlich bedeutungslos, da es sich bei diesem Erlebnis nicht um ein ursprüngliches Erkennen handelt, sondern der gesamte theoretische Gehalt von E3 auf bereits vorhandenen Erkenntnissen aus den Bestandteilen a1 und a2 beruht

Führen wir nun im ersten Fall die rationale Nachkonstruktion wie folgt durch. "Wir nehmen zur erkenntnismäßigen Auswertung aus dem Erlebnis der verstandenen Mitteilung des A nur die Wahrnehmung der physischen Zeichen (a1) heraus, also etwa das Hören der gesprochenen Worte (als Geräusche) oder das Sehen der geschriebenen Worte (als Strichfiguren), nicht aber das im Erlebnis selbst außerdem noch vorliegende Verstehen dieser Zeichen (b1); aus diesem Material a1 erschließen wir dann unter Mitbenutzung von früher schon Gewusstem den theoretischen Gehalt von b1 ... [Damit] kann ich aus den wahrgenommenen Worten ... mit Hilfe der mir bekannten Wortbedeutungen [Vorwissen] die Bedeutung der Aussage erschließen" (Scheinprobleme S. 33f). Dieses logische Schließen kann natürlich nur dann erfolgen, wenn ich prinzipiell die eindeutige Bedeutung aller vorkommenden Worte bereits kenne oder eindeutig aus dem Zusammenhang erraten kann. Wollen wir nun für Dokumentationszwecke die Mitteilung der Bewusstseinsvorgänge des A in eine Patientendatenbank eintragen, dann ist es hinreichend, eine beispielsweise mit einem Diktiergerät aufgenommene Aufzeichnung oder ein schriftliches Protokoll dieser Worte dort abzulegen. Eine zusätzliche Abspeicherung der Bedeutung dieser Worte ist hingegen entbehrlich.

Wie der Tabelle 2 zu entnehmen ist, laufen alle drei Fälle qualitativ prinzipiell auf eine ähnliche Art und Weise ab, weshalb ich mich an dieser Stelle nur auf das erste Erlebnis E1 beschränken möchte. Die anderen Möglichkeiten können bei Interesse in "Scheinprobleme" § 4 im Originaltext nachgelesen werden fuss 7.

Das Fazit aus der logischen Zerlegung des Fremdpsychischen ist laut Carnap, dass die Erkennung von Fremdpsychischem in allen drei Fällen hinreichend durch eine Wahrnehmung von Physischem beschrieben wird und sämtliche Vorstellungen von Fremdpsychischem nur als entbehrliche Bestandteile vorkommen (vgl. Scheinprobleme S. 33).

Die erkenntnistheoretische Zerlegung in Kern und Nebenteil

Nun sind wir beim zweiten Schritt in der Methode der erkenntnistheoretischen Analyse angekommen - namentlich bei der erkenntnistheoretischen Zerlegung des Erlebensgehalts in "Kern" und "Nebenteil". Diese kann erst durchgeführt werden, nachdem ein Erlebnis bereits in hinreichenden und entbehrlichen Teil zerlegt wurde: "sollen die Bestandteile a und b '(erkenntnistheoretischer) Kern' und 'Nebenteil' heißen, so muss zunächst b entbehrlicher Bestandteil in Bezug auf a sein. Ferner aber ... muss b erkenntnismäßig auf a 'zurückgehen', die Erkenntnis von b muss auf der von a 'beruhen', a muss in Bezug auf b 'erkenntnismäßig primär' sein (Scheinprobleme S. 24f). Aus einer logischen Zerlegung wird also "eine 'erkenntnistheoretische' Zerlegung, wenn zwischen a und b die Beziehung einer erkenntnistheoretischen Priorität hergestellt werden kann" (Patzig S. 105).

Auch in diesem zweiten Schritt stellt Carnap greifbare Kriterien zur Verfügung, die eine fundierte Entscheidung möglich machen: das "Kriterium der Rechtfertigung" und das "Kriterium der Täuschungsmöglichkeit".

Das "Kriterium der Rechtfertigung" läuft darauf hinaus, dass sich meine Erkenntnis aus dem Nebenteil b auch gegen einen methodisch angesetzten Zweifel an der Gültigkeit dieser Erkenntnis durch den Hinweis auf den Kern a begründeterweise durchsetzen lässt. "In der Möglichkeit der Rechtfertigung eines (wirklich oder methodisch) angezweifelten Wissens durch ein anderes (als gültig zugegebenes oder hypothetisch vorausgesetztes) Wissen liegt das Kriterium für das erkenntnistheoretische Verhältnis Nebenteil-Kern" (Scheinprobleme S. 26).

Übertragen wir nun dieses Kriterium auf das Erkennen von Fremdpsychischem und verwenden wir dabei die gleichen Bezeichnungen wie in Tabelle 2. Dann ergibt sich beispielsweise für einen Psychologen, der Person A untersuchen soll, die Notwendigkeit, dass er seine Untersuchungsergebnisse begründen beziehungsweise rechtfertigen kann. Die Adressaten, beispielsweise ein anderer Arzt oder eine Krankenversicherung, die Gelder für eine weitere Behandlung zur Verfügung stellen soll etc., werden "sich nicht damit zufrieden geben, dass er angibt, er habe es einfach erlebt, er habe es deutlich gespürt. Man wird vielmehr Rechenschaft darüber fordern, auf welche der drei Arten E1, E2 oder E3 die Erkenntnis gewonnen worden sei" (Scheinprobleme S. 38f). Im ersten Fall (E1) muss er zwar in der Regel nicht alle wahrgenommenen Wörter exakt wiedergeben, aber er sollte "berichten können, dass er Worte gehört oder gelesen hat, die so beschaffen waren, dass daraus auf den von ihm behaupteten Bewusstseinsvorgang des A geschlossen werden kann" (Scheinprobleme S. 39). Auch in den anderen beiden Fällen, die hier wie bei der logischen Zerlegung analog verlaufen, gelangt man zur Feststellung, dass für die Rechtfertigung der Erkenntnisse b2 oder b3 in beiden Fällen ein Hinweis auf die entsprechenden Erlebnisbestandteile a1 oder a2 einerseits nötig und andererseits genügend ist (vgl. Scheinprobleme S. 38).

Kommen wir nun zum zweiten Kriterium (dem "Kriterium der Täuschungsmöglichkeit"), das Carnap für die konkrete Durchführung der erkenntnistheoretischen Zerlegung gelten lässt. "In vielen Fällen wird das Bestehen der Beziehung Kern-Nebenteil zwischen zwei Erlebnisbestandteilen a, b dadurch besonders deutlich, dass der Bestandteil b auf 'Täuschung' beruht, d.h., dass sich nachträglich herausstellt, dass der theoretische Gehalt von b irrig ist, also der in b sich darstellende Sachverhalt in Wirklichkeit nicht besteht" (Scheinprobleme S. 28). Auch hierbei reicht wieder - wie bei der Rechtfertigung gegenüber einem methodischen Zweifel - die theoretische Möglichkeit einer Täuschung, das heißt diese muss im konkreten Fall nicht tatsächlich vorliegen.

"Einleuchtendes Beispiel ... [für diese] Prioritätsverhältnisse ist die Differenz zwischen Wahrnehmungen und den sie auf Grund von Erfahrung ergänzenden Vorstellungen, besonders schlagend bei Erwartungstäuschungen, wie beim Heben von 'Gewichten' aus Pappmaché oder bei Spiegeleffekten" (Patzig S. 106).

Betrachten wir erneut ein Erlebnis der Art E1, bei der Person A beispielsweise einen Psychologen in einem Gespräch davon überzeugen möchte, sie benötige dringend ein ärztliches Attest auf Grund ihres erkrankten Bewusstseinszustandes. Prinzipiell ist es nun vorstellbar, "dass die Mitteilung des A Lüge oder Irrtum sein kann" (Scheinprobleme S. 40), wobei wir davon nicht ausgehen müssen, um das Kriterium der Täuschungsmöglichkeit anwenden zu können. Falls aber eine solche Täuschung im konkreten Fall vorliegen würde, dann bedeute dies: "der erkenntnismäßige Gehalt des Bestandteils a1 (unser Wissen um die gehörten oder gelesenen Worte) entspricht der Wirklichkeit, nicht aber der Gehalt von b1 (unser vermeintliches Wissen um den mitgeteilten Bewusstseinsvorgang des A)" (Scheinprobleme S. 40). Wie in den anderen Passagen ist das Kriterium der Täuschungsmöglichkeit auch bei den Erlebnissen E2 und E3 erfüllt und soll hier nicht näher ausgeführt werden.

Ergebnis der erkenntnistheoretischen Analyse in Bezug auf das Fremdpsychische

Was hat uns die erkenntnistheoretische Analyse der Erkenntnis von Fremdpsychischem nun im Hinblick auf den Fundamentalsatz Carnaps zum Realismusstreit gebracht? Zunächst haben wir mittels rationaler Nachkonstruktion gezeigt, dass das Erkennen von Fremdpsychischem in allen drei möglichen Erlebnissen jeweils in einen hinreichenden (a) und einen entbehrlichen Teil (b) logisch zerlegt werden kann. Dabei haben wir bewiesen, "dass in allen Fällen die Wahrnehmungen von Physischem ... hinreichende Bestandteile sind, also die Vorstellungen von Fremdpsychischem ... nur als entbehrliche Bestandteile ... vorkommen" (Scheinprobleme S. 33). In einem zweiten Schritt haben wir anschließend gezeigt, dass diese Zerlegung erkenntnistheoretisch erweitert werden kann mit dem Ergebnis, "dass jeweils der Bestandteil a erkenntnistheoretischer Kern, der Bestandteil b Nebenteil ist" (Scheinprobleme S. 37). Damit können wir nun die oben aufgestellte Teilthese als bewiesen ansehen, dass "in allen Fällen, in denen Erkenntnis von Fremdpsychischem gewonnen wird, zum erkenntnistheoretischen Kern des Erkennungserlebnisses nur Wahrnehmungen von Physischem gehören" (Scheinprobleme S. 41).

 

Fuss       Fussnoten:

7 Zum zweiten Erlebnis könnte man sich beispielsweise vorstellen, die Ausdrucksbewegungen und Handlungen per Video aufzuzeichnen und dann erst im nach hinein zu interpretieren.

 

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