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Robert Bauer
- Haßmersheim -
Druckausgabe der Webseite: www.robert-bauer.eu (Druck: Saturday, 18.09.2021)

Das Fremdpsychische bei Rudolf Carnap

4.4.2 Einordnung in ein Konstitutionssystem

An dieser Stelle ist zu betonen, dass die Methode der erkenntnistheoretischen Analyse in keiner Weise auf den Nachweis abzielt, alle Nebenteile in unterschiedlichsten Wissensgebieten seien nur sinnlose Beigaben oder dergleichen. Vielmehr geht es dabei prinzipiell um den Aufbau eines umfassenden Konstitutionssystems, wie es Carnap in seinem Hauptwerk ausführlich beschreibt. Nur mit der Kenntnis dieses Komplexes zumindest in groben Zügen kann man den Bereich des Fremdpsychischen als wichtigen Bestandteil dieses Gebäudes begreifen. Zudem werden damit viele Aspekte in "Scheinprobleme" besser greifbar.

Ein modernes Konstitutionssystem als stufenweise Ordnung der Gegenstände

Unter diesem Konstitutionssystem versteht Carnap "eine stufenweise Ordnung der Gegenstände derart, dass die Gegenstände einer jeden Stufe aus denen der niederen Stufen konstituiert werden" (Aufbau S. 2) können. Sinn und Zweck dieser Konstituierung ist es, "die empiristische These, dass die Basis aller unserer Wirklichkeitserkenntnis in Wahrnehmungserlebnissen besteht, durch die schrittweise Konstruktion einer voll entwickelten Gegenstandswelt aus solchen Elementarerlebnissen [der untersten Ebene] mit der Tat zu beweisen" (Patzig S. 102). Die theoretische Möglichkeit, alle wissenschaftlichen Begriffe auf solche Grundgegebenheiten zurückzuführen, wird in der Philosophiegeschichte lange Zeit allgemein versichert, aber nie wirklich in die Praxis umgesetzt. Erst Carnap macht sich daran, mit Hilfsmitteln der modernen Relationenlogik, diese Aufgabe systematisch und formal zu lösen, indem er "für einen bestimmten Begriff irgendeines Sachgebietes eine Definition oder Definitionskette zu liefern [versucht], die letztlich nur noch Begriffe verwendet, welche sich auf das Gegebene beziehen ... Anhand einer solchen Begriffskonstruktion sollte es möglich sein, alle wissenschaftlichen Aussagen durch unmittelbare Erfahrungsdaten entweder als wahr oder als falsch festzustellen, zu 'verifizieren' oder zu 'falsifizieren'" (Krauth S. 12f). Sämtliche wissenschaftliche Begriffe stehen damit also letztlich auf einer nicht mehr weiter explizierbaren Erfahrungsbasis, die selbst wiederum aus solchen Grundbegriffen konzipiert wird, "die als erkenntnismäßig sicher und allgemein anerkannt betrachtet werden" (Krauth S. 61) fuss 8.

Carnap will durch diese Formalisierung der wissenschaftlichen Forschung diese nicht einschränken, sondern genau das Gegenteil bewirken: "Ganz allgemein ermöglicht erst die Formalisierung eines Begriffes seine Variation, d.h. die Aufdeckung eines Spielraumes seiner möglichen Varianten" (Mormann S. 211). Diese Maxime des klaren Ausdrucks durchzieht Carnaps gesamtes Philosophieren und entspricht seiner Persönlichkeit im Allgemeinen, die von Zeitgenossen oft als extrem rational und logisch beschrieben wird.

Die Konstruktion eines Systems mit eigenpsychischer Basis

Aber wie könnte so ein von Carnap vorgeschlagenes Konstitutionssystem nun konkret aussehen? Zunächst wählt Carnap im "Aufbau" als zentralen Ausgangspunkt eine eigenpsychische Basis fuss 9. Diese Basis könnte auch anders gewählt werden, aber es "zeigt sich nun, dass die psychischen Vorgänge fremder Subjekte nur durch Vermittelung physischer Gegenstände erkennbar sind fuss 10, nämlich durch Vermittlung der Ausdrucksbewegungen (im weiteren Sinne) oder auch durch Vermittelung der Gehirnvorgänge ... Dagegen bedarf die Erkennung der eigenen psychischen Vorgänge nicht irgend welcher Vermittelung durch die Erkennung physischer Gegenstände, sondern geschieht unvermittelt" (Aufbau S. 79). Carnap bedient sich damit ganz bewusst eines methodischen Solipsismus, welcher aber nicht mit dem Standpunkt des Solipsisten im Realismusstreit verwechselt werden darf, der davon ausgeht, "als sei nur ein Subjekt und seine Erlebnisse wirklich, die anderen Subjekte dagegen nicht-wirklich. Die Unterscheidung zwischen wirklichen und nichtwirklichen Gegenständen steht nicht am Beginn des Konstitutionssystems. Für die Basis wird kein Unterschied gemacht zwischen den Erlebnissen, die auf Grund späterer Konstitution als Wahrnehmung, Halluzination, Traum usw. unterschieden werden" (Aufbau S. 86).

Damit ist für den weiteren Verlauf entschieden, von welchem Punkt wir auf der Landkarte der wissenschaftlichen Begriffe losmarschieren. Fehlen nur noch ein paar Dinge, die wir von Anfang an in unseren Rucksack packen wollen, um möglichst weit und stabil vorwärts zu schreiten. Dazu muss zunächst "entschieden werden, welche Gegenstände als Grundelemente genommen werden sollen ... Wenn aber eine Konstitution weiterer Gegenstände möglich sein soll, so müssen noch andere Gegenstände an den Anfang ... gesetzt werden, und zwar ... als Relationen ('Grundrelationen'). Denn wenn die Grundelemente als eigenschaftslos und beziehungslos nebeneinander stehend gegeben würden, so wäre kein Konstitutionsschritt von ihnen aus möglich" (Aufbau S. 83).

Die Wahl der Grundelemente fällt bei Carnap auf so genannte "Elementarerlebnisse". Ganz entgegen einer phänomenalistischen Auffassung im Machschen Sinne, bei der Sinnesdaten als Grundelemente angesehen werden, will Carnap "von dem ausgehen, was zu allem anderen erkenntnismäßig primär ist, vom 'Gegebenen', und das sind die Erlebnisse selbst in ihrer Totalität und geschlossenen Einheit" (Aufbau S. 92) fuss 11. Erst daraus können dann Sinnesdaten abstrahiert werden.

Auf diesen Elementarerlebnissen basierend braucht man nun noch gewisse Verbindungsbrücken, die den Prozess der Konstitution in Gang setzen sollen. Dazu wählt Carnap eine sehr einfache Grundrelation, namentlich die so genannte "Ähnlichkeitserinnerung", als einzigen Begriff (vgl. Aufbau S. XII) fuss 12. Diese stellt sich als Relation zwischen verschiedenen Teilen des Erfahrungsflusses in einem realistischen Sachverhalt folgendermaßen dar: "x und y sind Elementarerlebnisse, die durch Vergleich einer Erinnerungsvorstellung von x mit y als teilähnlich erkannt sind, d.h. als in einem Erlebnisbestandteil annähernd übereinstimmend" (Aufbau S. 150).

Damit stößt man unweigerlich auf die Problematik der objektiven Gültigkeit eines so konstruierten Konstitutionssystems, denn "'Erlebnisse' sind ... immer nur subjektiv und als solche grundsätzlich nicht mitteilbar" (Krauth S. 13f). Wie kann man also von einer - insbesondere eigenpsychischen - Basis aus zu einem intersubjektiv prinzipiell anerkennbaren Begriffssystem gelangen? Carnap gibt darauf im "Aufbau" folgende Antwort: "Die Reihe der Erlebnisse ist für jedes Subjekt verschieden. Soll trotzdem Übereinstimmung in der Namengebung erzielt werden für die Gebilde, die auf Grund der Erlebnisse konstituiert werden, so kann das nicht durch Bezugnahme auf das gänzlich divergierende Materiale geschehen, sondern nur durch formale Kennzeichnung der Gebildestrukturen. Freilich bleibt ... noch ... das Problem der intersubjektiven Wirklichkeit ... Zunächst halten wir fest, dass es für die Wissenschaft möglich und zugleich notwendig ist, sich auf Strukturaussagen zu beschränken" (Aufbau S. 16). Und genau diese strukturellen Beziehungsverhältnisse werden durch eine solche Ähnlichkeitserinnerung formalisiert und damit in den Augen Carnaps hinreichend für eine objektive Gültigkeit zugänglich gemacht.

Die Quasianalyse zur Konstitution der höheren Stufen

Nach wir vor ist die Frage offen, wie denn nun ein konkretes Konstitutionssystem mit eigenpsychischer Basis aus den zentralen Bestandteilen "Elementarerlebnisse" und "Ähnlichkeitserinnerung" methodisch aufgebaut werden kann. Den Knackpunkt stellen dabei vor allem die per Definition merkmalslosen Grundelemente dar, über die für sich genommen nichts ausgesagt werden kann. Dennoch gelingt es Carnap, in "einem scharfsinnigen Verfahren ..., auf dieser äußerst schmalen Grundlage ein komplettes Begriffssystem wenigstens in groben Umrissen zu errichten" (Krauth S. 14). "Vielleicht das wichtigste Verdienst des Aufbaus scheint ... darin zu bestehen, ... wie man aus der Menge der ... atomaren Urelemente genug Information destillieren kann, um den Prozess der Konstitution von Gegenständen höherer Stufe in Gang zu setzen - und zwar durch die Methode der Quasianalyse" (Mormann S. 96). Bei dieser Analysemethode wird die Möglichkeit genutzt, dass man Aussagen über die Beziehungen zwischen den einzelnen Merkmalen untersuchen und daraus wichtige Informationen gewinnen kann. Als Ergebnis erhält man so genannte Quasieigenschaften, "die als formaler Ersatz für die Bestandteile der Grundelemente dienen können. Als formalen Ersatz bezeichnen wir sie, weil alle Aussagen, die von den Bestandteilen gelten, in analoger Form über sie ausgesprochen werden können. Dieses Verfahren bezeichnen wir als 'Quasianalyse'" (Aufbau S. 94). An dieser Stelle würde es zu weit führen, diesen Algorithmus detaillierter zu beschreiben. Für uns sollen deshalb diese knappen Erläuterungen ausreichen fuss 13.

Der Stammbaum der Begriffe

Aber was ist nun das Ergebnis dieser Quasianalyse, dieser Konstitution eines ganzen Systems wissenschaftlicher Begriffe auf eigenpsychischer Basis? Zunächst einmal ist Carnap davon überzeugt, mit einer solchen Konzeption eine gewisse "Erkenntnisreinheit" zu gewinnen, mit der die gesamte Philosophie im Rahmen einer vereinfachenden - durchaus auch idealisierenden - Vereinheitlichung durchzogen werden kann. Werden die oben vorgestellten Methoden konsequent umgesetzt, "so gelingt die Zurückführung der Gegenstände ... auf einander in so weitem Umfange, dass sich die Möglichkeit eines allgemeinen Zurückführungssystems ... erweisen lässt: alle Begriffe aller Wissenschaftsgebiete sind (grundsätzlich) in dieses System einordenbar, d.h. aufeinander und schließlich auf wenige Grundbegriffe zurückführbar" (Scheinprobleme S. 14f).

Schließlich gibt Carnap sowohl im "Aufbau" als auch in "Scheinprobleme" eine vierstöckige Grobgliederung seines Konstitutionssystems mit eigenpsychischer Basis an, die die "vier wichtigsten Gegenstandsgebiete in Bezug auf erkenntnismäßige Primarität" (Aufbau S. 79) widerspiegeln sollen (vgl. Tabelle 3), wobei für uns vor allem die unteren drei Schichten von Bedeutung sind. An dieser Stelle sollte nun der Sinn der erkenntnistheoretischen Analyse hinsichtlich des Fremdpsychischen, wie wir sie oben durchgeführt haben, hinreichend nachvollziehbar sein.

Tabelle 3: Erkenntnistheoretisches Schichtensystem der vier wichtigsten Gegenstandsarten (von unten nach oben zu lesen; vgl. Scheinprobleme S. 42)

4Geistige Gegenstände
3Fremdpsychische Gegenstände
2Physische Gegenstände
1Eigenpsychische Gegenstände

Die vier Ebenen des Schichtensystems enthalten jeweils viele weitere Gegenstände, die auf Grund ihrer Priorität und Zurückführbarkeit sinnvoll angeordnet werden können. "In diesem System hat jeder Begriff, der Gegenstand einer wissenschaftlichen Aussage sein kann, grundsätzlich seinen bestimmten Ort ... Zunächst ist jeder Begriff erkenntnistheoretisch sekundär gegenüber den unter ihm stehenden Begriffen ... Ferner aber kann jeder Begriff definiert ... werden durch bloße Bezugnahme auf unter ihm stehende Begriffe. Das System ist also ... ein 'Stammbaum der Begriffe'" (Scheinprobleme S. 43).

Als Beispiel möchte ich hier kurz auf die Konstitution der "anderen Menschen" eingehen und zwar unter der Voraussetzung, dass bereits sämtliche Organismen und deren zugehörige biologischen Gegenstände konstituiert wurden und damit für weitere Konstruktionen zur Verfügung stehen. Carnap fährt dann fort: "Als Klasse der 'Menschen' wird eine Klasse der biologischen Klassifikation der Organismen konstituiert, zu der mein Leib gehört ... Die außer dem Ding 'mein Leib' zu dieser Klasse gehörenden 'anderen Menschen' (als physische Dinge) bilden eine Gegenstandsart, die für das Konstitutionssystem von ganz besonderer Bedeutung ist" (Aufbau S. 183). An diese - in bestimmter Weise meinem Leibe ähnlichen - anderen Menschen wird anschließend die Konstitution des Fremdpsychischen angeknüpft, welche darin besteht, "dass auf Grund der physischen Vorgänge an einem anderen Menschen mit Hilfe der früher konstituierten Ausdrucksbeziehung [Mienen, Gesten, Körperbewegungen, ...] ... diesem Menschen psychische Vorgänge zugeschrieben werden" (Aufbau S. 185f). Dies soll für den Moment genügen.

Ganz im Sinne des frühen Wittgensteins fuss 14 ergibt sich als Konsequenz aus diesem Schichtensystem, dass alle Begriffe, die sich nun nicht in ein diskursives, logisch-strukturiertes Wissenssystem systematisieren oder einbetten lassen, wissenschaftlich sinnlos sind. Metaphorisch entsprechen demnach solche sinnlose Aussagen einzelnen Blättern, die nicht am Stammbaum der Begriffe angewachsen sind, sondern aus anderer Quelle (also beispielsweise vom Baume der Metaphysik) hergeweht werden. Welche konkreten Blätter nun im Realismusstreit bei diesem reinigenden Sturm der Konstituierung tatsächlich am Stammbaum der Begriffe verbleiben, werden wir im nächsten Teil des Beweises zu unserem Fundamentalsatz sehen.

 

Fuss       Fussnoten:

8 An dieser Stelle kritisiert Popper zu Recht die Forderung, in einer Wissenschaftssprache ausschließlich definierte Begriffe zuzulassen, da diese an der Definition der Grundbegriffe ihre Grenze findet. Letztlich gehen bei einer solchen Konzeption nämlich alle höheren Begriffe auf undefinierte Ausdrücke zurück, die quasi beliebig festgelegt werden (vgl. Krauth S. 61).

9 Mormann betont an dieser Stelle deutlich den allgemeinen Charakter der Carnapschen Konstitutionstheorie: "Das eigentlich Wichtige am 'Aufbau' ist daher nicht ... die Skizze eines einzelnen ... Konstitutionssystems, sondern der allgemeine Ansatz, eine mit logischen und mathematischen Mitteln arbeitende allgemeine Theorie von Konstitutionssystemen als Theorie möglicher Weisen des Aufbaus der Welt zu entwerfen" (Mormann S. 87).

10 Und genau dies haben wir ja auch ausführlich über die Methode der erkenntnistheoretischen Analyse im ersten Teil des Beweises (siehe oben) gezeigt.

11 An dieser Stelle spürt man deutlich, dass Carnap nicht nur den theoretischen Inhalt eines Erlebnisses als insgesamt relevant bezeichnet, wie es beispielsweise bei der erkenntnistheoretischen Analyse den Anschein erwecken könnte und dort möglicherweise auch von Nöten ist. Hier wird vielmehr ein im ständigen Wandel befindlicher Erlebnisstrom als das erkenntnismäßig Primäre erkannt, welcher erst danach durch Abstraktionen zu einzelnen Sinnesempfindungen verdichtet wird (vgl. Aufbau S. 92).

12 "Diese Wahl lässt sich empirisch kaum rechtfertigen, sie ist motiviert durch an der Gestaltpsychologie orientierte erkenntnispsychologische Überlegungen und zum anderen durch das didaktische Motiv, das Konstitutionssystem strukturell möglichst einfach und durchsichtig zu gestalten" (Mormann S. 94).

13 Wer sich genauer mit dieser Methode beschäftigen möchte, dem seien an dieser Stelle die Paragrafen §§ 69 - 73 (vgl. Aufbau S. 94ff) oder das Kapitel 4.4 (vgl. Mormann S. 96ff) empfohlen.

14 "Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich sagen lässt, also Sätze der Naturwissenschaft - also etwas, was mit Philosophie nichts zu tun hat -, und dann immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, dass er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat" (Tractatus 6.53)

 

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