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Robert Bauer
- Haßmersheim -
Druckausgabe der Webseite: www.robert-bauer.eu (Druck: Saturday, 18.09.2021)

Das Fremdpsychische bei Rudolf Carnap

4.4.3 Die Sachhaltigkeit als Kriterium für sinnvolle Aussagen

Bisher haben wir durch die erkenntnistheoretische Analyse in einem ersten Schritt eine Trennlinie zwischen Kern und Nebenteil des Fremdpsychischen gezogen und damit wissen wir, dass sich alle erkenntnistheoretisch relevanten Bereiche in der Ebene des Fremdpsychischen aus der darunter liegenden Ebene des Physischen ableiten lassen.

Im zweiten Schritt haben wir mit Hilfe der Konstitutionstheorie einen allgemeinen Rahmen bereitgestellt, der es letztlich ermöglicht, das Fremdpsychische auf das Eigenpsychische zurückzuführen und zwar auf Basis eines methodischen Solipsismus. Zudem haben wir ein Positivkriterium aufgezeigt, wie man beispielsweise mit der Methode der Quasianalyse von unten nach oben Begriffe konstituieren kann.

Jetzt können wir in einem dritten und letzten Schritt den Bereich des Fremdpsychischen darauf untersuchen, ob ihm noch weitere Erkenntnisinhalte zugesprochen werden, die aber dort eigentlich gar nicht hingehören, weil sie - wie sich zeigen wird - nicht sachhaltig sind. Kristallisieren sich dabei genau solche Aussagen heraus, wie sie beispielsweise im Realismusstreit ausgerufen werden, dann sind wir damit nicht mehr weit entfernt von der Gültigkeit des Fundamentalsatzes: "Die Wissenschaft kann in der Realitätsfrage weder bejahend noch verneinend Stellung nehmen, da die Frage keinen Sinn hat" (Scheinprobleme S. 61).

Das Kriterium der Sachhaltigkeit

Zunächst wollen wir den Sinn einer beliebigen Aussage betrachten. Dieser ergibt sich im Allgemeinen aus den Bedeutungen der einzelnen Begriffe, die in ihr vorkommen. Diese bringen dann in der jeweiligen Kombination einen gewissen Sachverhalt zum Ausdruck (vgl. Scheinprobleme S. 47), der uns in den meisten Fällen intuitiv klar ist, ohne ihn genau analysieren zu müssen. Letztlich funktioniert dieses intuitive Verständnis aber nur, wenn auch tatsächlich alle vorkommenden Worte richtig verstanden werden und damit theoretisch dem Stammbaum der Begriffe unseres Konstitutionssystems entnommen sind. In einer gewöhnlichen Sprache können sich an dieser Stelle in den Augen Carnaps leicht Fehler einschleichen, da diese zwar grammatisch korrekte aber dennoch sinnlose Sätze zulässt. "Infolgedessen kommt es leicht vor, dass man einen Scheinsatz für einen sinnvollen Satz hält; und das ist für die Philosophie an manchen Stellen verhängnisvoll geworden; das werden wir später an den Thesen des Realismus und des Idealismus sehen" (Scheinprobleme S. 50).

Hat man nun eine konkrete Aussage vor sich, die gewisse Begriffe oder Passagen enthält, welchen vorerst keine bekannte Bedeutung zugeordnet werden kann (weil sie bisher noch nicht im Stammbaum der Begriffe enthalten sind), dann ist es zwingend erforderlich, ihren Sinngehalt genauer zu untersuchen, da man ansonsten dem Eindringen sinnloser Scheinaussagen in die Wissenschaft nichts entgegensetzen kann. "Dazu ist es notwendig und hinreichend, dass angegeben wird, in welchen Fällen von ... Erfahrung sie wahr ... und in welchen Fällen sie falsch heißen soll" (Scheinprobleme S. 47f). Um diese Angabe machen zu können, stellt Carnap drei Kriterien zur Verfügung, welche in Tabelle 4 kurz vorgestellt werden (vgl. Scheinprobleme S. 50).

Tabelle 4: Definition hinreichender Kriterien für sinnvolle Aussagen

Aussage p ist ...Bedeutung (E = bestimmtes Erlebnis; !p = Gegenteil von p)
... fundiertq repräsentiere den Inhalt von E. Gilt nun p = q oder p ist aus früherem Erfahrungswissen von q deduktiv oder induktiv ableitbar, dann ist p durch E fundiert fuss 15. E kann hier auch bereits in der Vergangenheit liegen.
... nachprüfbarWenn Bedingungen angegeben werden können, unter denen E eintreten würde, durch das p oder !p fundiert werden würde.
... sachhaltigWenn prinzipiell ein E denkbar ist, das p oder !p fundieren könnte.

Auf Grund der einseitigen Implikation (fundiert => sachhaltig / nachprüfbar => sachhaltig) hin zur Sachhaltigkeit als schwächstes Charakteristikum ergibt sich, dass alle drei Kriterien im Rahmen einer Forderung nach einer zumindest sachhaltigen Begründung von Aussagen hinreichend sind. Zusammengefasst gilt: "sinnvoll sind die sachhaltigen Aussagen, weil es ja wenigstens denkbar ist, dass sie einmal als wahr oder falsch erkannt werden. Alles jedoch, was jenseits des Sachhaltigen liegt, muss unbedingt als sinnlos angesehen werden; eine (scheinbare) Aussage, die grundsätzlich nicht durch ein Erlebnis fundiert werden könnte und daher nicht sachhaltig wäre, würde gar keinen auch nur denkbaren Sachverhalt zum Ausdruck bringen, also gar keine Aussage sein, sondern ein bloßes Konglomerat sinnloser Striche oder Geräusche" (Scheinprobleme S. 52f).

Mit diesem Kriterium der Sachhaltigkeit sind wir nun wieder bei der empiristischen These angelangt, bei der eine Aussage genau dann sinnvoll ist, wenn sie mit der Erfahrung zusammenhängt und durch sie bestätigt oder widerlegt werden kann. "Diese These ist in verschiedenen Abwandlungen unter dem Namen des 'Verifikationsprinzips' und des 'empiristischen Sinnkriteriums' kennzeichnend für den frühen logischen Positivismus" (Patzig S. 111), den Carnap gerade durch sein Kriterium der Sachhaltigkeit maßgeblich beeinflusst. Gleichzeitig ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass dieses Sachhaltigkeitskriterium im Laufe der Zeit auf Grund einer angeregten Diskussion zu dieser Thematik auch von Carnap selbst verändert und angepasst wird. Wir beschränken uns hier aber auf diese "erste Form eines radikalen Sinnkriteriums, mit dessen Hilfe sich metaphysische von nichtmetaphysischen Aussagen unterscheiden lassen sollen" (Mormann S. 69).

Theoretisch irrelevante Gegenstandsvorstellungen als Teil einer Aussage

Im Rahmen des Sachhaltigkeitskriteriums stellt Carnap noch eine weitere Möglichkeit vor, wie Scheinaussagen als solche entlarvt werden können. Dazu untersucht er nicht nur die tatsächlich ausgesprochenen Worte einer Aussage, sondern die Aussage als Ganzes, welche in der Regel zusätzlich noch implizit verwendete, begleitende Vorstellungen enthält. "Bekanntlich kommen in die Deduktion aus festen Prämissen leicht dadurch Fehler hinein, dass außer den Sachverhalten, die den Inhalt der Prämissen bilden, noch andere Sachverhalte, die mit ihnen zugleich vorgestellt werden, bei der Deduktion unvermerkt verwendet werden" (Scheinprobleme S. 54). Sind in diesen zusätzlichen Bestandteilen nicht-sachhaltige Elemente enthalten, die aber dennoch als gegeben unterstellt werden, dann kann es in der Konsequenz dazu kommen, dass die eigentlichen theoretischen Inhalte auf wackeligen Beinen stehen und erneut auf ihre korrekte Eingliederung im Konstitutionssystem überprüft werden müssen. Die im Folgenden vorgestellte Methode der Zerlegung in Sachverhalts- und Gegenstandsvorstellungen ist daher nicht parallel zum Sachhaltigkeitskriterium zu verstehen, sondern ermöglicht bei erfolgreicher Anwendung die Überführung einer ganzen Klasse von Scheinaussagen der Sinnlosigkeit auf einen Schlage.

Für Carnap ist an dieser Stelle nicht eine Aufteilung in ausgesprochene Aussage und implizit vermittelte Vorstellung im Allgemeinen wichtig, sondern vielmehr unterscheidet er zwei Arten von begleitenden Vorstellungen: "Wir bezeichnen eine Vorstellung als 'Sachverhaltsvorstellung', wenn ihr Inhalt als ein Sachverhalt gemeint ist, also als etwas, das besteht oder nicht besteht, so dass zu dem Vorstellungsinhalt Ja oder Nein gesagt werden kann; andernfalls bezeichnen wir sie als 'Gegenstandsvorstellung'" (Scheinprobleme S. 54f). Die Sachverhaltsvorstellungen können prinzipiell wie ausgesprochene Aussagen verwendet werden, da diese statt explizit einfach implizit wirken, dies aber für den theoretischen Inhalt keine qualitative Bedeutung hat. Problematisch hingegen sind die reinen Gegenstandsvorstellungen: diese können nicht den Inhalt einer Aussage bilden und stehen somit "jenseits von wahr und falsch ... Sie sind theoretisch irrelevant" (Scheinprobleme S. 57) und müssen daher zu sinnlosen Scheinaussagen degradiert werden.

Hierbei ist wiederum anzumerken, dass Carnap die praktische Bedeutung solcher begleitender Gegenstandsvorstellungen nicht einfach übergeht, sondern deren Vorteile durchaus zu schätzen weiß (vgl. Scheinprobleme S. 58). Im Rahmen einer wissenschaftstheoretischen Gesamtkonzeption kann und will er ihnen freilich an dieser Stelle keinen Platz einräumen.

Begleitende Gegenstandsvorstellungen im Bereich des Fremdpsychischen

Mit dem Verifikationsprinzip und der Abspaltung der Gegenstandsvorstellungen sind wir nun gut gewappnet, konkrete Bereiche der Wissenschaft auf deren Sachhaltigkeit zu untersuchen. Dabei brauchen wir uns bei den Realwissenschaften nur kurz aufzuhalten, da dort die "Forderung der Sachhaltigkeit für jede Aussage ... anerkannt und praktisch durchgeführt [wird]: ... jede Aussage, die in einem dieser Gebiete als sinnvoll anerkannt werden soll ..., geht entweder direkt auf Erfahrung ... zurück oder hängt doch wenigstens indirekt ... mit Erfahrung zusammen ... Nur im Gebiete der Philosophie (und Theologie) kommen vermeintliche Aussagen vor, die nicht sachhaltig sind; Beispiele hierfür sind ... die Thesen des Realismus und des Idealismus" (Scheinprobleme S. 53), welche wir nun in Hinblick auf das Fremdpsychische der Sinnlosigkeit zu überführen haben.

Mit der erkenntnistheoretischen Analyse haben wir oben gezeigt, dass Erkenntnis von Fremdpsychischem immer auf eine Erkenntnis von Physischem zurückgeführt werden kann. "Man könnte daher jede Aussage über ein bestimmtes Fremdpsychisches, z.B. 'A freut sich jetzt', übersetzen in eine Aussage, die nur von Physischem spricht, nämlich von Ausdrucksbewegungen, Handlungen, Worten usw." (Scheinprobleme S. 64f). Damit liegen zwei verschiedene Beschreibungen vor für ein und denselben Zustand der Person A: "eine psychische und eine physische, und wir behaupten, dass sie denselben theoretischen Gehalt zum Ausdruck bringen" (Scheinprobleme S. 65).

Carnap räumt hier durchaus ein, dass die psychische Sprache wesentlich prägnanter ist, weil sie unter anderem auf gewissen Konventionen beruht, mittels derer eben kurze Begriffe wie beispielsweise "Freude" verwendet werden können. Gleichzeitig bringt sie auch mehr zum Ausdruck. "Aber dieses Mehr ist kein Mehr an theoretischem Gehalt, sondern es werden damit nur ... bloße Gegenstandsvorstellungen [ausgedrückt], also solche, die keinen Sachverhalt darstellen" (Scheinprobleme S. 65). Die eigenpsychische Empfindung eines Freudegefühls oder das Einfühlen in Schmerzen anderer Lebewesen und so weiter, die meist nur bei der psychischen Beschreibung ("A freut sich", "B hat Schmerzen") aufkommen und nicht bei einer physischen Aussage zu Mienen und Gesten von der und der Gestalt, können durchaus eine expressive oder praxisrelevante (in Bezug auf moralisches Verhalten etc.), nicht aber eine wissenschaftliche Bedeutung haben und dürfen nicht mit einer solchen verwechselt werden. "Einfühlung ist nicht Erkenntnis, gibt nichts an theoretischem Gehalt, nichts Aussagbares; sie ist ein Tun, nicht ein Erkennen" (Scheinprobleme S. 71).

Reinigung der Erkenntnis des Fremdpsychischen von Scheinproblemen

Versetzen wir uns nun wieder in die beiden Standpunkte des Realisten beziehungsweise des Solipsisten aus dem oben angesprochenen Beispiel zum Fremdpsychischen. Dabei stellen wir fest: "Im Physisch-Beobachtbaren, dem allein Nachprüfbaren, sind ... beide Psychologen einig. Es gibt keine psychologische Frage, auf die nicht beide bei hinreichender Untersuchung übereinstimmende Antworten geben würden ... Da die Divergenz zwischen den beiden Standpunkten jenseits des Sachhaltigen, im grundsätzlich Nicht-erfahrbaren liegt, so haben sie nach unserem Kriterium keinen wissenschaftlichen Sinn" (Scheinprobleme S. 68). Da sich in analoger Weise nachweisen lässt, dass auch die Unterschiede im Realismusstreit bezüglich der Außenwelt nicht sachhaltig sind (vgl. Scheinprobleme S. 62ff), kann damit der Carnapsche Fundamentalsatz zu dieser Thematik als bewiesen angesehen werden.

Bereits im "Aufbau" vertritt Carnap diesen Standpunkt. Dort geht er fast noch einen Schritt weiter, in dem er nicht nur die metaphysischen Thesen bezüglich des Fremdpsychischen und der Außenwelt als nicht sachhaltig, sondern eine ganze Klasse an philosophischen Scheinaussagen der Sinnlosigkeit bezichtigt. Dieser Klasse liegt in seinen Augen ein metaphysischer Wirklichkeitsbegriff zu Grunde, der über die empirische Wirklichkeit hinaus den Dingen noch eine gewisse Unabhängigkeit vom erkennenden Bewusstsein zusprechen will. Dieser Begriff lässt sich nun in kein erkenntnismäßiges Konstitutionssystem eingliedern und dadurch entlarvt er sich als ein nicht-rationaler, nicht konstituierbarer Begriff (vgl. Aufbau S. 245ff). Alle unvereinbaren Thesen des Realismus und des Idealismus, die über das durch die Konstitutionstheorie verfügbare Fundament hinausgehen und damit keine empirisch feststellbaren Unterschiede aufweisen können, entstehen erst im metaphysischen Gebiet und "können in der Wissenschaft weder aufgestellt noch widerlegt werden; sie haben keinen wissenschaftlichen Sinn" (Scheinprobleme S. 77).

 

Fuss       Fussnoten:

15 Patzig merkt zur Fundiertheit an, dass hier wohl ein Fehler in der Carnapschen Definition vorliegt und deshalb p und q an einigen Stellen vertauscht werden müssen (vgl. Patzig S. 110). Diese Überlegungen wurden in der Tabelle bereits berücksichtigt und verbessert.

 

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