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Robert Bauer
- Haßmersheim -
Druckausgabe der Webseite: www.robert-bauer.eu (Druck: Saturday, 18.09.2021)

Das Fremdpsychische bei Rudolf Carnap

5.1 Einwände gegen das Verifikationsprinzip

Wie wir im Verlauf des Beweises zum Fundamentalsatz gesehen haben, steht und fällt die Verbannung der philosophischen Standpunkte der Idealisten und Realisten zur Erkenntnis von Fremdpsychischen mit der Standfestigkeit des Sachhaltigkeitskriteriums. Dieses Prinzip der Verifikation soll "vor allem eine genaue Grenze zwischen Metaphysik und Wissenschaft definieren. Es zeigt sich aber, dass bei seiner Anwendung große Teile der Wissenschaften selbst als sinnlos gelten müssten, während andere, absurde Theorien wie die Astrologie, magische Vorstellungen usw., dem Kriterium [des Sinnes] genügen könnten" (Patzig S. 111). Dies liegt im Wesentlichen an den drei oben eingeführten Begriffsdefinitionen zur Fundiertheit, Nachprüfbarkeit beziehungsweise Sachhaltigkeit (vgl. Tabelle 4) und der daraus resultierenden Forderung nach einer prinzipiell vorstellbaren Beobachtungsmöglichkeit gewisser Situationen. Damit müssen in der Konsequenz viele Naturgesetze in den Realwissenschaften als sinnlos erklärt werden und zwar all jene, welche eine allgemeine Aussage oder Gesetzmäßigkeit aussprechen, also so genannte unbeschränkte All-Sätze sind (vgl. Krauth S. 80). Solche Sätze können wegen der folgenden, logisch trivialen Unmöglichkeit nicht verifiziert werden: "Von einer endlichen Anzahl von Fällen kann nicht auf eine unendliche Anzahl geschlossen werden", aber empirisch kann "immer nur eine endliche Anzahl von Beobachtungen gemacht werden" (Krauth S. 81f).

Daraus ergibt sich unmittelbar ein schwerwiegender Widerspruch: Die Verneinung einer an sich verifizierbaren "Es-gibt"-Aussage entspricht logisch-formal einer unbeschränkten All-Aussage, welche wiederum als sinnlos angesehen werden müsste. Dies kann aber nicht sein, da "ein Satz und seine Verneinung auf einer und derselben sinnmäßigen Ebene liegen müssen, dass also keinesfalls p sinnvoll und ~p [= nicht-p] sinnlos sein kann" (Krauth S. 82).

Will man diese Problematik umgehen, dann könnte man genau anders herum vorgehen und Aussagen nicht mehr einem Verifikations- sondern einem Falsifikationskriterium aussetzen. Diese auf Popper zurückgehende Methode "besagt, dass ein synthetischer Satz nur dann empirischen Sinn besitzt, wenn es grundsätzlich logisch möglich ist, ihn durch eine endliche Anzahl von Beobachtungsätzen zu widerlegen (= zu falsifizieren)" (Krauth S. 85). Freilich kann bei genauerem Hinsehen auch diese Methode keine wirkliche Verbesserung bringen, da sie analoge Probleme aufwirft. Ebenso liefert eine Kombination aus den beiden Methoden letztlich nicht die gewünschte Trennlinie zwischen Metaphysik und Wissenschaft, weil damit beispielsweise Sätze wie "Jeder Mensch hat einen Vater" zu Musterbeispielen metaphysischer Sinnlosigkeit würden (vgl. Patzig S. 114).

Stellen sich also das Sachhaltigkeitskriterium und dessen Abwandlungen insgesamt als fragwürdig heraus und liefern sie eine Grenze zwischen Metaphysik und Wissenschaft, die von keinem Wissenschaftler so anerkannt wird, dann kann auch zu Recht an der Wohlbegründetheit des Carnapschen Fundamentalsatzes zum Fremdpsychischen gezweifelt werden.

Eine solche Kritik am Verifikationsprinzip insgesamt nimmt Carnap sehr ernst, obwohl er nach wie vor auch in seinen späteren Werken an einer Nachprüfung wissenschaftlicher Aussagen durch die Erfahrung festhalten möchte. "Carnap gibt deshalb den Begriff der Verifizierung im engeren Sinne auf und ersetzt ihn durch den [toleranteren] Begriff der 'Bestätigung' ... [Damit] gelingt es Carnap, den grundsätzlichen Unterschied zwischen All-Aussagen und Einzel-Aussagen ... zu überwinden" (Krauth S. 90f), ohne dabei jedoch die grundsätzliche Position des Empirismus in Frage zu stellen. Der Hauptunterschied liegt dabei darin, dass nun eine "gradweise Abstufung der Wahrscheinlichkeit einer Aussage" (Patzig S. 118) in den Vordergrund tritt und weniger eine ihm oft vorgeworfene Fixierung auf Dichotomien wie beispielsweise "wahr oder falsch".

 

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