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Robert Bauer
- Haßmersheim -
Druckausgabe der Webseite: www.robert-bauer.eu (Druck: Saturday, 18.09.2021)

Das Fremdpsychische bei Rudolf Carnap

5.2 Methodischer Solipsismus und Intersubjektivität

Wir haben bereits in Kapitel 4.4.2 erörtert, wie Carnap die Konstitution der anderen Menschen im "Aufbau" konkret durchführt. Carnap bemerkt hier selbst, dass diese Konstitution des Fremdpsychischen nicht über die eigenen Erlebnisse hinausgehen und jede Zuschreibung nur auf den Leib des Anderen, nicht aber auf eine Seele oder dergleichen, abzielen kann. Insbesondere gibt es nichts Fremdpsychisches ohne einen Bezug zu einem physischen Leib (vgl. Aufbau S. 186f). Die dem Fremdpsychischen zugesprochene "Erlebnisreihe ... besteht dabei in nichts anderem als einer Umordnung meiner Erlebnisse und ihrer Bestandteile" (Aufbau S. 186), wobei dabei durchaus Permutationen auftreten können, die ich noch nie in genau dieser Weise erlebt habe. Die Psychologie des Fremdpsychischen begründet sich in einer solchen Konzeption also aus vagen Analogieschlüssen von der Kenntnis unseres eigenen Verhaltens und Empfindens auf das Fremdpsychische des Anderen, wenn wir bei diesem analoge Ausdruckswahrnehmungen beobachten. Damit "wird auf keiner Stufe des Konstitutionssystems die Basis 'meines' Erlebnisstromes verlassen. Das heißt, dass in keinem Falle ... etwas Neues in das System hineinkommt, sondern nur eine komplexe Umformung 'meiner' Erlebnisse stattfindet. Das ist ein Solipsismus, der eine Wissenschaft - per definitionem intersubjektiv - unmöglich macht" (Krauth S. 14). Auch wenn Carnap diesen Standpunkt als "methodischen Solipsismus" betitelt, werden damit die Probleme nicht aus dem Weg geräumt.

In meinen Augen ist es aber auch nach Carnap keinem Philosophen gelungen, dieses Problem der Intersubjektivität umfassend zu lösen. Vielmehr besagt eine "heute häufig anzutreffende Einstellung ..., der Solipsismus sei theoretisch unwiderlegbar und eine 'unvermeidliche logische Konsequenz', praktisch aber unannehmbar" (Wiki_Solipsismus Kap. 3). Letztlich müssen wir vielleicht von der prinzipiellen Existenz anderer Personen ohne formalen Beweis ausgehen, um überhaupt relevante Aussagen zu dieser Thematik treffen zu können. Stellen wir aber an Carnaps Konzeption die gleich hohen Anforderungen wissenschaftlicher Beweisführung, wie er sie von den Philosophen im Realismusstreit erwartet, dann kann seine Konzeption hier nicht vollständig standhalten.

 

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