Logo
Robert Bauer
- Haßmersheim -
Druckausgabe der Webseite: www.robert-bauer.eu (Druck: Monday, 17.05.2021)

Kontinuierliche Verbesserung als Managementtechnik

4.1.9 Kanban-Systeme zur signalgesteuerten Wertschöpfung

Diese Bestellung der richtigen Menge zum richtigen Zeitpunkt stellt eine Schlüsselstelle dar. In einem System mit einem herkömmlichen Lagerhaltungskonzept gibt es meist von jeder Komponente eine hinreichende große Menge verfügbarer Vorprodukte und es bedarf keiner expliziten Nachbestellung. Man nutzt eben das, was verfügbar ist. Bei Prozessen, die vom nachgelagerten Kunden – gewissermaßen aus Eigeninteresse – gezogen werden, ist dies nicht denkbar. Vielmehr bedarf es einer ausgeklügelten Bestellmethode, die auf die konkrete Situation abgestimmt ist und in den gesamten Prozess integriert ist. „Es gibt viele Möglichkeiten, Holsysteme anzuwenden. Wichtig ist, dass Teile nur dann produziert werden, wenn vom nachgelagerten Prozess ein Signal – ein Kanbanfuss71 – eingegangen ist. Dieses Signal fordert den vorgeschalteten Bereich dazu auf, ein verbrauchtes Teil zu ersetzen … (Fertigung auf Lager), oder ein Teil auf Grund einer konkreten Nachfrage zu bauen (Fertigung auf Bestellung)“ (Drew, McCallum, & Roggenhofer, 2005, S. 58). Einige Beispiele für unterschiedliche Kanban-Varianten sind in Tabelle 6 aufgeführt. Sie zeigen auch, dass Kanban-Systeme bereits in vielen Bereichen etabliert sind, obwohl sie dort vielleicht gar nicht als ein solches wahrgenommen werden. Die dort aufgeführten Verfahren können nur dann reibungslos funktionieren, wenn die jeweils benötigten Informationen in organisierter Form zusammenlaufen.

Tabelle 6 – Beispiele für Kanban-Verfahren in unterschiedlichen Bereichen

MaschinenproduktionMagnetische Tafel, die an Einzelteilen angebracht wird und jeweils nach Verbrauch zusammen mit dem Transportbehältnis an die vorgelagerte Stätte zurückgegeben wird.
SupermarktTäglich automatisch generierte Warenbestellung auf Basis der verkauften und beschädigten Mengen (erfasst über den Strichcode-Scan an der Kasse und einen Scan der verdorbenen Waren durch einen Mitarbeiter).
Prepaid-MobilfunkvertragAutomatische Aufladung des Guthabens per Lastschriftverfahren, wenn das Restguthaben eine bestimmte Grenze unterschreitet.
Zigaretten-PapersVor den fünf letzten Blättchen in der Packung ist häufig ein Hinweiszettel in einer anderen Farbe eingefügt, das dem Raucher ein Signal zum Nachkauf gibt.
Drucker-GeräteWarnmeldung über das Netzwerk an den Wartungsdienst, wenn der Toner bei einem Gerät einen bestimmten Füllstand unterschreitet.
Books on demandEinzelproduktion von Diplomarbeiten als physisches Buch, ausgelöst durch einen Bestelleingang über das Internet.
GastronomieZubereitung von Gerichten und Getränken sofort nachdem das Servicepersonal den Auftrag in das funkgesteuerte Bestellgerät eingibt. Auch hier können (unter Einhaltung standardisierter Abläufe) Lieferantenaufträge direkt aus den Zahlen der zubereiteten Speisen erstellt werden.
PrivathaushaltEinkauf von Klopapier, Duschgel, Seife, Putzmaterialien, Zahnpaste et cetera nach einem einfachen aber standardisierten Prinzip: wird ein Produkt aufgebracht, kann man die leere Verpackung zunächst als Signal verwenden, den Artikel auf die Einkaufsliste zu setzen und sie erst dann zu entsorgen. Für die Übergangszeit bis zum nächsten Einkauf dient jeweils eine kleine, festgelegte Vorratsmenge (z.B. pro Artikel ein Reserveexemplar).

Gleichzeitig sollen Kanbans den Prozess beschleunigen, indem Umwege über eine Zentralinstanz vermieden werden. „Das gewährleistet eine hohe Flexibilität, weil Mengenänderungen nicht durch jeweils neu geplante Losgrößen erfolgen, sondern durch Variationen der in Umlauf befindlichen Kanbanbehälter oder Kanbankarten“ (Jaspert, 1994, S. 65). Die Signale selbst dürfen nicht zu bürokratisch konzipiert sein und sollten am besten wiederverwendbar sein (falls sie nicht elektronisch übermittelt werden).

Bei der konkreten Ausgestaltung eines Kanban-Systems müssen unterschiedliche Fragen beantwortet werden. Als grober Leitfaden kann Abbildung 18 dienenfuss72. Ebenso muss der Bestellvorgang mit dem vorgelagerten Bereich abgestimmt werden, sodass dieser überhaupt in der Lage ist, die auf dem Kanban notierten Anforderungen zu erfüllen. Neben der inhaltlichen Ausgestaltung ist es ratsam die Karten visuell zu gestalten, damit Mitarbeiter schnell und klar erkennen können, was sie herstellen sollen.

Abbildung

Abbildung 18 – Fragen zur Konzeption eines geeigneten Kanbans

Entscheidet man sich für ein System, bei dem die Aufträge durch einen Mitarbeiter ausgelöst werden, dann muss dieser geschult werden, das Kanban im richtigen Moment weiterzuleiten. Gerade wenn mehrere Modelle in einer Fertigungsstraße mit häufiger Umrüstung produziert werden oder man sich in einem Bereich ohne starke Standardisierung und automatischer Steuerung befindet, wird den Menschen vor Ort ein sehr feines Fingerspitzengefühl abverlangt. Die Herausforderung aber auch die Chance liegt gerade darin, „dass der Mitarbeiter selbst vorgibt, welche Mengen eines Produktionsmittels wann und in welcher Qualität von ihm benötigt werden … Durch das im Kanban-System inhärent verankerte selbständige Anfordern von Produktionsmitteln seitens der verbrauchenden und damit nachgeschalteten Fertigungsstelle innerhalb der Wertschöpfungskette des Unternehmens kommt es … zu einer Reduzierung der Durchlaufzeiten und dadurch kürzeren Lieferzeiten, zu Qualitätsverbesserungen und zu einer i.d.R. signifikanten Vereinfachung der Produktionssteuerung“ (Füser, 1997, S. 140f).

Der Mitarbeiter, der bisher im Auftrag der zentralen Koordinationsinstanz die verfügbaren Vorprodukte weiterverarbeitet hat, findet sich jetzt in einer verantwortungsvollen Rolle wieder, die auf seiner Motivation und seinem Mitdenken basiert. Er muss die zukünftige Lage sowohl nach vorne (Anfragen an ihn) als auch nach hinten (seine Zulieferer) möglichst genau prognostizieren können, flexibel darauf reagieren und im Falle eines Produktionsausfalles oder einer Stornierung bestellter Leistungen das weitere Vorgehen festlegen. Die sich im Umlauf befindenden Kanbans unterstützen ihn dabei.

 

Fuss       Fussnoten:

fuss71 Unter dem japanischen Begriff „Kanban“ („Karte“) versteht man eine Warenbegleitkarte oder Signaltafel, die in unterschiedlichsten Formen auftreten kann und in einem internen Regelkreis die Bestellung regeln soll. Das erste Kanban-System wird in den 1940ern von Taiichi Ohno bei Toyota eingeführt und entwickelt sich seitdem permanent weiter. Die zugrunde liegende Idee ist das oft zitierte Supermarkt-Prinzip: „Es müsste doch möglich sein, den Materialfluss in der Produktion nach dem Supermarkt-Prinzip zu organisieren, das heißt, ein Verbraucher entnimmt aus dem Regal eine Ware bestimmter Spezifikation und Menge; die Lücke wird bemerkt und wieder aufgefüllt“ (Zäpfel, 2000, S. 228).

fuss72 Bei komplexen Prozessen, bei denen beispielsweise ein Produktionsschritt auf viele Einzelteile angewiesen ist, empfiehlt es sich die Lagerhaltung und die Bestellvorgänge über mathematische Methoden (beispielsweise aus dem Bereich des Operation Research) zu optmieren.

 

» Inhalt       » zurück      » vor       » Quellen

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Gemäß dem Urheberrechtsgesetz (§51 UrhG) kann aber gerne aus diesem Text - mit Quellenangabe und Verweis auf den Autor - zitiert werden. Als Quelle bitte angeben: http://www.robert-bauer.eu/kvp.php

Der Text wurde in Zusammenarbeit mit der KARER CONSULTING erstellt. Falls nichts anderes angegeben, liegen daher die Bildrechte der Grafiken und Abbildungen bei der KARER CONSULTING sowie beim Autor. Sie dienen ausschließlich dem besseren Verständnis des hier veröffentlichten Textes und dürfen nur nach schriftlicher Zustimmung für andere Zwecke (insbesondere Veröffentlichungen und Verwendung in Präsentationen oder Konzepten) verwendet werden.

In diesem Dokument wird an einigen Stellen die Bezeichnung „ViT: Verbesserungen im Team” verwendet. Dies ist ein für die KARER CONSULTING geschütztes Markenzeichen.