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Das Fremdpsychische bei Carnap

3.2 Der logische Empirismus des Wiener Kreises

Dennoch gibt es gewisse grundlegende Gemeinsamkeiten, die dem Wiener Kreis gewissermaßen sein Skelett und gleichzeitig dem daraus entstehenden logischen Empirismus seine Grundstruktur geben. Zu diesen Übereinstimmungen zählen in besonderer Weise, (i) von einem, wie auch immer aufgefassten, Empirismus auszugehen, (ii) die neuen Erkenntnisse aus dem Bereich der modernen Logik als Methode aufzugreifen, (iii) jeden Apriorismus bezogen auf synthetische Urteile abzulehnen und (iv) eine Sprachphilosophie im Sinne Wittgensteins zu betreiben (vgl. Kraft S. 12).

Zu Punkt (i) sei an dieser Stelle auf die obigen Kapitel zum Empirismus und Positivismus verwiesen, wobei insbesondere bei Letzterem bereits auf die Einbeziehung der Logik aufmerksam gemacht wurde.

Für Punkt (ii) ist insbesondere die Entwicklung der modernen formalen Logik ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie eine starke Inspiration durch die beiden bedeutenden Werke Russells ("Principa Mathematica", 1910 - 1913) und Wittgensteins ("Tractatus Logico-philosophicus", 1921) auf die Mitglieder des Wiener Kreises zu erwähnen. So schreibt zum Beispiel Russell: "Das Studium der Logik wird zum zentralen Studium in der Philosophie: es liefert die Forschungsmethode in der Philosophie, genau so wie die Mathematik die Methode in der Physik liefert" (Mormann S. 43). Nicht nur Carnap fühlt sich von solchen Worten bestärkt, seine philosophischen Überlegungen unter diese höchste Maxime des wissenschaftlichen Philosophierens zu stellen, dennoch dürfte es sein Verdienst sein, "als erster die großen Möglichkeiten, welche eine formalisierte Logik für die Durchführung des positivistischen Programms" (Krauth S. 9) bietet, zu erkennen und konsequent auszuschöpfen.

An den Punkten (iii) und (iv) erkennt man in meinen Augen am besten die Symbiose zwischen Logik und Empirismus, die sich im logischen Empirismus vollzieht. Dort unterscheidet man zwischen analytischen (logischen) auf der einen und synthetischen (empirischen) Aussagen auf der anderen Seite, wobei im Gegensatz zur traditionellen positivistischen Auffassung die analytischen Sätze ganz und gar nicht in der Erfahrung begründet sind. Laut Wittgenstein sind logische Sätze nichts anderes als bloße Tautologien, das heißt also Aussagenverknüpfungen, die unabhängig von den Wahrheitswerten der einzelnen Bestandteile immer wahr sind und zwar in jeder "möglichen Welt", unabhängig von deren konkreter Beschaffenheit (vgl. Tractatus 6.1, 6.11, 6.121). In der Konsequenz bedeutet dies natürlich auch, dass rein formal konstruierte, logische Sätze (a priori) die Realität völlig unbestimmt lassen und nichts über sie aussagen können, sie also streng genommen keinen Sinn-Inhalt besitzen. "Das relevante Wissen muss bereits ganz in den Prämissen enthalten sein" (Krauth S. 7). Das wiederum bedeutet eine Rettung des empirischen Grundgedankens: "Alle Erkenntnis aus der Erfahrung, a posteriori! Denn die einzigen Aussagen, die einer Rechtfertigung bedürfen, sind die 'synthetischen', und diese bleiben an die Erfahrung gebunden. Apriorisch synthetische Aussagen sind ausgeschlossen" (Krauth S. 7).

Folgt man dieser Argumentation weiter, dann führt dies unweigerlich zu einem massiven Angriff auf die Fundamente der Philosophie insgesamt. Der Grund dafür ist folgender: wenn man davon ausgeht, dass jede Erkenntnis empirisch gewonnen werden muss, dann kommt als Erkenntnisquelle nur eine Naturwissenschaft in Frage, nicht aber ein philosophisches Konstrukt im traditionellen Sinne. "Philosophische Aussagen, die beanspruchen, eine Erkenntnis über die Welt zu enthalten, bezeichnet der logische Positivismus fuss 4 als reine Metaphysik. Solche Behauptungen sind nicht falsch, aber kognitiv sinnlos" (Wiedemann).

Als eine mögliche zukünftige Stellung der Philosophie innerhalb der Wissenschaft schlägt Wittgenstein vor: "Der Zweck der Philosophie ist die logische Klärung der Gedanken" (Tractatus 4.112) und damit eine Kontrollfunktion zur Überprüfung der logischen Konsistenz einzelner Sätze (also eine so genannte logische Analyse der Sprache) in einem naturwissenschaftlichen Wissensgebäude.

 

Fuss       Fussnoten:

4 Neben der Bezeichnung "logischer Empirismus" wird diese Richtung in der Literatur mit teilweise leicht unterschiedlichen Facetten häufig auch "logischer Positivismus" oder "Neopositivismus" genannt. Der Einfachheit halber sind in diesem Text alle drei Bezeichnungen identisch zu verstehen.

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