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Druckdatum: Thursday, 09.09.2010
An dieser Stelle möchte ich erneut auf die beiden obigen Kapitel zum Rationalismus und Empirismus verweisen. Diese beiden Strömungen nehmen nämlich nicht nur in Bezug auf die Quelle des Erkenntnisgewinns entgegengesetzte Positionen ein, sondern vielmehr entwickeln sich daraus auch unterschiedliche Konzeptionen in Hinblick auf die Existenz anderer Personen neben dem eigenen Ich. So könnte man beispielsweise auf der einen Seite Descartes' Denkweise (ausgehend von einem unbezweifelbaren, denkenden Ich als einzige gesicherte Daseinsform) als radikal solipsistisch bezeichnen (vgl. Brockhaus S. 317). Andererseits führt bei Hume dessen empirische Überzeugung zu einer völlig anti-solipsistischen Haltung: "die Ansicht von der Identität der menschlichen Person, der Existenz eines 'Ich', wird aufgegeben. Folgerichtig wird der menschliche Geist zu einem Bündel von Eindrücken in dauerndem Fluss und ständiger Bewegung, zu einem 'subjektlosen Erlebnisstrom'" (Krauth S. 3). Die Problematik dieser unterschiedlichen Positionen besteht nun generell in der noch immer offenen Frage, "ob das Erkenntnisobjekt 'an sich' so ist, wie es erkannt wird, und andererseits, ob das Objekt überhaupt ein bewusstseinsunabhängiges Gegenüber (Realismus) und nicht vielmehr eine Leistung des Bewusstseins selbst ist (Idealismus)" (Brockhaus S. 280)
6. Diese unterschiedlichen Auffassungen sind in der Literatur unter dem Begriff des so genannten "Realismusstreites" bekannt. Tabelle 1 zeigt, wie Carnap diese Thesen des Realismus und des Idealismus definiert (vgl. Scheinprobleme S. 60f).
Tabelle 1: Die Thesen des Realismus und des Idealismus in den Augen Carnaps
| Thesen | bzgl. der Außenwelt | bzgl. des Fremdpsychischen |
| Realismus | die mich umgebenden Dinge sind nicht nur Inhalt meiner Wahrnehmung, sondern sie existieren außerdem an sich | die Körper der anderen Menschen zeigen nicht nur die und die wahrnehmbaren Reaktionen ähnlich denen meines Körpers, sondern die anderen Menschen haben außerdem auch Bewusstsein |
| Idealismus | real ist nicht die Außenwelt selbst, sondern nur die Wahrnehmungen oder Vorstellungen von ihr | real sind nur meine eigenen Bewusstseinsvorgänge, die der vermeintlich Anderen sind bloße Konstruktionen/Fiktionen |
Fussnoten:
6 Es soll an dieser Stelle nicht der Eindruck erweckt werden, der Rationalismus werde mit dem Idealismus und der Empirismus mit dem Realismus gleichgesetzt. Dieser Zusammenhang wäre zu pauschal und auch nicht in allen Bereichen zutreffend. Als Hinführung zu den Thesen des Idealismus bzw. des Realismus eignen sich die Positionen des Rationalismus bzw. des Empirismus in meinen Augen aber durchaus.
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