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Druckdatum: Wednesday, 08.09.2010

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Das Fremdpsychische bei Carnap

5.3 Der Grammofon-Einwand

Lassen wir an dieser Stelle einmal die beiden soeben vorgebrachten Kritikpunkte beiseite und nehmen an, die Carnapsche Konzeption zum Fremdpsychischen sei wohldefiniert. Nun stellen wir uns vor, wir befinden uns in einem Zimmer vor einer Wand und hören gewisse Geräusche, die sich wie ganz gewöhnliche Stimmlaute einer Person anhören. Führen wir nun die oben vorgestellte Methode der erkenntnistheoretischen Analyse und so weiter durch, dann schreiben wir konsequenterweise auf Grund der rein theoretischen Erkenntnis und der Ausdruckswahrnehmung der Quelle dieser Sinnesdaten (Stimmlaute) eine gewisse Fremdpsyche zu. Und dies unter Umständen auch dann, wenn sich hinter der Wand gar keine Person, sondern beispielsweise nur ein Gerät (Grammofon oder dergleichen) befindet, das zuvor aufgezeichnete Worte einer Person wiedergibt. Dieses Beispiel zeigt, dass die Carnapsche Methode nicht immer eindeutig auf ein Fremdpsychisches hinweist und daher nicht als allgemein gültiges Verfahren zur Erkennung von Fremdpsychischem akzeptiert werden kann (vgl. Seminar).

Gerade an solchen Stellen offenbart sich die Kurzschlüssigkeit der Carnapschen Argumente. Selbst wenn man für die "wissenschaftliche Erforschung seelischen Lebens stets auf die Feststellung wahrnehmbarer Symptome und Manifestationen seelischer Vorgänge und Zustände angewiesen bleibt, ... so besteht doch nicht der geringste Grund zu der Behauptung, die Vorstellung des Behaviourismus und die des common sense, schließlich die Auffassung, dass die anderen Individuen nur seelenlose Automaten seien, seien 'im Hinblick auf den theoretischen Gehalt' nicht verschieden" (Patzig S. 122f).

John Searle geht an dieser Stelle sogar noch einen Schritt weiter und behauptet ganz entgegen der Auffassung Carnaps, dass empirisch beobachtbares Verhalten weder eine hinreichende noch eine notwendige Bedingung für die Existenz eines Fremdpsychischen ist. Dies wird unter anderem damit begründet, dass Situationen vorstellbar sind, bei der man - aus einer eigenpsychischen Perspektive - sich äußerlich ganz gewöhnlich verhält, aber innerlich (unbemerkt von den anderen) allmählich abstirbt und das bewusste Erleben zu nichts zusammenschrumpft (vgl. Siliziumhirne).

Letztlich haben wir auch in diesem Punkt keine abschließende Antwort auf die Frage, wie wir eindeutig ein Fremdpsychisches ausmachen können. Alan Turing stellt fest: "Wissen wir, ob der Mensch, mit dem wir kommunizieren, mit einem Bewusstsein ausgestattet ist ...? Wir denken es uns, um mit ihm angemessen umgehen zu können. In dem Moment, in dem eine Maschine uns konsistent auf Fragen antworten wird, werden wir ... schlicht nicht mehr sagen können, ob ein Denken hinter den Antworten liegt, oder ob hier nur dauernd nur überzeugende Reaktionen auf Fragen geliefert werden" (Wiki_Erkenntnis Kap. 7.3.1).

All diese durchaus relevanten Fälle werden von Carnap gar nicht berücksichtigt, ja sie könnten in seiner Wissenschaftssprache gar nicht formuliert werden. Wir wollen ihm deshalb den Hinweis darauf positiv anrechnen, "wie weit unsere wissenschaftlichen Kontrollmöglichkeiten zurückbleiben hinter den Annahmen, die wir im täglichen Leben fortgesetzt über die seelischen Zustände anderer Menschen machen. Aber solche Restriktionen sind doch bei weitem nicht ausreichend, dasjenige, was wir nach den Maßstäben der Wissenschaft nicht beweisen können, als unerhebliche und theoretisch sinnlose Zutat anzusehen" (Patzig S. 123). Dies scheint selbst nicht sinnvoll zu sein - und zwar weder praktisch noch philosophisch!

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