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Druckdatum: Wednesday, 08.09.2010

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Das Fremdpsychische bei Carnap

6 Ein gut gepflügter Acker

Was können wir nun abschließend zu Carnaps Konzeption des Fremdpsychischen sagen? Einerseits zeigt sich insbesondere durch die angesprochenen Mängel, dass Carnaps Metaphysikkritik auf Basis eines Sinnkriteriums auf recht wackeligen Beinen steht. "Wenn sich in manchem [Philosophiebereich] ... irrationale Elemente finden mögen, so scheint es doch ein großes Missverständnis, gleich jede Metaphysik abzulehnen und von vornherein metaphysische Betrachtungen als sinnlos zu betrachten" (Krauth S. 146). Insbesondere bringt man sich damit schnell in Gefahr, alle unbequemen aber interessanten Fragen aus der Erörterung auszuschließen, was in meinen Augen an einigen Stellen gerade in Hinblick auf das Erleben anderer Menschen im Unterschied zur theoretischen Analyse dieser rein physisch wahrgenommenen Leiber geschieht. Im Falle der Realität des Fremdpsychischen "wird aus der Tatsache, dass die Wissenschaften, die einschlägig wären, zur Lösung dieser Probleme nichts beitragen können, sofort geschlossen, dass die Fragen selbst sinnlos seinen, mit denen sich die Philosophie bisher beschäftigt" (Patzig S. 121). Dabei muss man Carnap allerdings zu Gute halten, dass er sich stets seiner idealisierenden Annahmen bewusst ist und dass sein Konstitutionssystem nicht auf eine Beschreibung des wirklichen Prozesses des Wissenserwerbes abzielt (vgl. Mormann S. 89). Ihm geht es vielmehr um eine begriffliche Reinheit und um Forderung nach Durchsichtigkeit und Sachhaltigkeit in einer Zeit, in der die irrationalistische Metaphysik mit Wesensschau und Intuitionsphilosophie die Oberhand zu gewinnen scheint. Heute hingegen wird fast von allen Philosophen die Ansicht vertreten, so wenig Metaphysik wie möglich, aber auch nicht weniger als nötig zu betreiben und Philosophie und Naturwissenschaft soweit in Einklang zu bringen, dass sie zumindest nicht im Widerspruch zueinander stehen. Und dieses Philosophieverständnis hat ihre Wurzel - denke man hier beispielsweise an die analytische Philosophie - in solch klaren Methoden, welche durch die Anwendung der formalen Logik gerade durch Carnap ermöglicht werden. An dieser Stelle wäre es sicherlich falsch, sich völlig der Meinung Carnaps anzuschließen oder gar den logischen Empirismus wieder auferstehen zu lassen. Carnaps Konzeption von einer Philosophie als "Möglichkeitswissenschaft" eröffnet uns vielmehr neue Horizonte, wie wir durch neue Konstruktionsmethoden über einen "Ozean der freien Möglichkeiten" zu solchen Standpunkten gelangen können, die ebenso gut sein könnten und sie deshalb nicht weniger wichtig sein dürfen wie diejenigen, von denen wir im Alltag meist unreflektiert ausgehen (vgl. Mormann S. 210ff). Die Aussagen zum Fremdpsychischen sind daher trotz aller Schwachpunkte noch immer Vorzeigebeispiele einer logischen Philosophiebearbeitung, deren Bedeutung für die Zukunft weniger an den konkreten Ergebnissen, sondern vielmehr daran zu messen ist, wie weit man über sie als Fundament hinausgehen kann (vgl. Mormann S. 105). Und zwar ganz im Sinne der Fabel von der Schatzsuche im Acker eines Weingärtners, bei der kein Schatz gefunden wird, aber die fette Ernte im folgenden Jahr wegen des sorgfältig umgegrabenen Bodens reich genug ausfällt (vgl. Krauth S. 209).

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