Logo
Robert Bauer
- Haßmersheim -
Druckausgabe der Webseite: www.robert-bauer.eu (Druck: Saturday, 18.09.2021)

Der Schein und die Ästhetik der Macht bei Machiavelli und Nietzsche

3.4 Machiavelli bei Cesare Borgia, dem Meister des Verrats

Im Jahre 1501 wird Cesare Borgia von seinem Vater, Papst Alexander VI., zum Herzog der Romagna ernannt. Um diesem Titel gerecht zu werden, führt er eine Reihe von erfolgreichen Feldzügen durch. Der Herzog verlangt ein formales Bündnis mit Florenz und im Rahmen dieser delikaten Angelegenheit wird Machiavelli zu ihm nach Imola geschickt. »Diese Gesandtschaft bezeichnet den Beginn der für Machiavellis diplomatische Laufbahn wichtigsten Periode, in der er die Rolle spielen kann, die ihm am meisten liegt: die eines direkten Beobachters und Ratgebers der zeitgenössischen Staatskunst« (Skinner 24).

Cesare ist frei von Lastern, frei von Vergnügungssucht. Alles was er tut ist bis ins Detail berechnet und durchdacht. Keine menschliche Schwäche scheint sein Ziel – die Macht – zu mäßigen. »Die List, die Heuchelei, die Grausamkeit, die Großzügigkeit hat er fest in seiner Hand. Wenn Alexander ein sehr großer Verräter ist, so ist sein Sohn ein Zauberer des Verrats« (Marcu 103f). Hat er ein Gebiet erobert, dann ist er erst dann zufrieden, wenn sein Vorgänger unter der Erde ist. »Für jede Stadt, für jeden Tyrannen hat Cesare einen anderen Weg der Überlistung« (Marcu 104). Freilich, Caterina und Machiavelli kann er nicht so leicht überlisten. Ihnen fehlt die Angst, welche dem Verräter auch das letzte Tor einer Festung öffnet.

Borgia ist außerdem ein Meister der politischen Inszenierung: So sorgt er zum Beispiel für die Ermordung einer seiner engsten Vertrauten, der dann eines Tages in zwei Teile zerhackt auf dem Marktplatz gefunden wird. Gleichzeitig richtet er alles so ein, dass für die Bevölkerung keinerlei Anlass besteht, ihn damit in Zusammenhang zu bringen. Mehr noch: »Da er wusste, dass die vergangenen Grausamkeiten ziemlichen Hass erzeugt hatten, und um die Einwohner zu versöhnen und sie ganz für sich zu gewinnen, wollte er zeigen, dass etwaige Grausamkeiten nicht von ihm, sondern von dem teuflischen Minister ausgegangen waren« (P 40). Bei solchen Taten kommt es Borgia nicht auf das Urteil Gottes oder der Menschen an, weiß er doch, dass dem Sieger immer verziehen wird.

Zu dieser Zeit ist Cesare für Machiavelli nicht nur ein Meister in der Kunst der Verstellung und des Scheins, »sondern er sieht in ihm auch jemanden, der eine Gelegenheit abwarten und sie zum eigenen Nutzen ergreifen kann, wenn es sich bietet. Dadurch erscheint er vorübergehend als einer der seltenen Meister der "occasione"fuss 2« (Hoeges 97). Für alle wichtigen Fragen im politischen Bereich, die für Machiavelli ein Leben lang von Bedeutung sein werden, entwickelt er im Gespräch und in der Beobachtung bei diesem Herzog ein einprägendes Gespür. »In seinem Kopf formen sich jetzt die Kapitel seines Buches« (Marcu 110). Die Logik Cesares und Machiavellis ist dieselbe.

Der größte Verrat, den Machiavelli jemals sehen wird – der so genannte »schöne Verrat« – erfüllt ihn mit Bewunderung: Cesare schließt einen Friedensvertrag mit Rebellen und einige Zeit später lockt er sie alle an einen Ort, wo sie kurzer Hand ermordet werden. »Und nicht nur der Geist, sondern auch die Technik dieser zielklaren Falschheit, ihre Gewandtheit, ihre Eleganz« (Marcu 123) begeistern den anwesenden Machiavelli.

Freilich erkennt der Gesandte aus Florenz recht schnell, dass die Erfolge des Herzogs nur auf Fortunafuss 3 gegründet sind. Seine aufkommenden Zweifel kristallisieren sich zu der Überzeugung, dass sich dessen Fähigkeiten wohl beschränkter als erhofft entwickeln, als dieser die Kandidatur des Kardinals Rovere für den Stuhl Petris unterstützt. Machiavelli sieht darin einen Mangel an Voraussicht, denn Rovere musste unter Alexander VI. zehn Jahre lang im Exil leben und wird folglich auch einen gewissen Hass und Groll gegen Cesare hegen: »Nur sein Verhalten bei der Wahl Julius II. zum Papst kann man ihm zum Vorwurf machen« (P 42). Borgia jedoch vertraut weiter auf seine Glückssträhne und so bemerkt Machiavelli, »dass dieser Herzog allmählich seinem Grabe zugleitet« (Skinner 26ff) und »dadurch selbst schuld an seinem Untergang« (P 43) ist. Es ist also ein Dauerirrtum, dass Borgia das allumfassende Vorbild für Machiavellis »Il Principe« ist (vgl. Hoeges 173f). Dennoch hat Machiavelli in dieser Zeit wie nie zuvor oder danach seine Hand auf das klopfende Herz der Macht gelegt.

 

Fuss       Fussnoten:

2 Gelegenheit

3 Göttin des Schicksalsschlags, des Glücksfalls, der überraschenden Gunst und des unverdienten Leids. Laut Machiavelli bestimmt sie zur Hälfte die irdischen Dinge und zum Beispiel durch Tugendhaftigkeit kann man sich ihr widersetzen (vgl. P Kapitel 25).

 

» Inhalt       » zurück      » vor       » Quellen

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Gemäß dem Urheberrechtsgesetz (§51 UrhG) kann aber gerne aus diesem Text - mit Quellenangabe und Verweis auf den Autor - zitiert werden. Als Quelle bitte angeben: http://www.robert-bauer.eu/machiavelli.php