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Robert Bauer
- Haßmersheim -
Druckausgabe der Webseite: www.robert-bauer.eu (Druck: Saturday, 18.09.2021)

Der Schein und die Ästhetik der Macht bei Machiavelli und Nietzsche

4.1.1 Thukydides und die Politik jenseits von Gut und Böse

Der Begründer der politischen Geschichtsschreibung Thukydidesfuss 4 versucht mit strenger Objektivität zwischen äußeren Anlässen und tieferen Ursachen geschichtlicher Ereignisse zu unterscheiden und ist damit ganz nahe bei Machiavellis Auffassungen. Tiefere Ursachen sieht Thukydides in der Natur des Menschen: Diese »hat zwei Urtriebe, das Streben nach Freiheit und nach Herrschaft« (Fenske 50). Beide bestimmen zwanghaft das menschliche Handeln und so lässt sich in einem Staate das unterschiedliche Agieren der einzelnen Beteiligten auf diese beiden Grundtriebe herunter brechen. Machiavelli erkennt diesen Treib nach Herrschaft ebenfalls an: »Eroberungslust ist durchaus der Menschennatur entsprechend und allgemein verbreitet« (P 28)fuss 5.

Unmittelbarer Anlass, die Herrschaft zu ergreifen, können Ehrgeiz, Furcht und Nutzen sein. Auch diese werden als »elementare Triebkräfte« bezeichnet. Hinzu kommt ein der Herrschaft innewohnender »Drang, sich stets weiter auszudehnen« (Fenske 50) und so wird diese Expansion die noch unabhängigen Nachbarstaaten mobilisieren, bevor sie selbst zum Opfer werden.

Niccolò spinnt diesen Gedanken weiter: »Wer in einer ... fremdländischen Provinz herrscht, muss sich auch zum Haupt und Verteidiger der schwächeren Nachbarn machen und darauf bedacht sein, die der Provinz überlegene Macht zu schwächen, er muss aufpassen, dass nicht zufällig ein Nachbar dort einbricht, ... denn dieser wird immer von Leuten, die aus Ehrgeiz oder Furcht unzufrieden sind, ins Land gerufen« (P 25).

Weiter teilen beide Geschichtsschreiber folgende Auffassung: Derjenige, »der einmal zur Macht gekommen ist, ... ist um seiner eigenen Sicherheit willen gezwungen, die Opposition in den unterworfenen Staaten mit Gewalt niederzuhalten. Unausweichlich verwandelt sich seine Herrschaft in eine Tyrannis« (Fenske 51). Thukydides unterstreicht immer wieder diese Zwangsläufigkeiten solcher Prozesse ohne dabei über die Tragik der Macht weiter nachzusinnen. Dazu Machiavelli: »Privatleute, die nur durch Glück Fürsten werden, ... können sich kaum behaupten« (P 36). Außer sie sind in der Lage, sich durch kühne Entschlüsse, welche nicht auf Fortuna, sondern auf Tapferkeit beruhen, zu behaupten – wie zum Beispiel Agathokles von Sizilien: Dieser »schwang sich nicht nur aus dem Stand eines Privatmanns, sondern aus den tiefsten Niederungen des Lebens zum König von Syrakus empor ... Er berief eines Tages das Volk und den Senat ... zusammen, und ... ließ ... die Senatoren und die reichsten Bürger niederschlagen. Nach diesem Mord riss er die Herrschaft über die Stadt an sich und behielt sie ohne jeden Widerspruch seitens der Bürger« (P 43f). Ein Fürst muss also, »wenn er sich erhalten will, lernen, schlecht zu sein und davon je nach Bedarf Gebrauch zu machen« (P 64).

Aufgrund solcher Aussagen wird Machiavelli in späteren Zeiten zur Last gelegt, alle moralischen Bindungen abzulehnen und christliche Tugenden zynisch zu verachten. Viele übersehen dabei aber den Schlüsselbegriff der »necessità« – der Notwendigkeit. Die Eigendynamik von gewissen Umständen, welche nicht direkt vom Herrscher beeinflussbar ist, muss im Zuge der Stabilität mit einbezogen werden und so »erlaubt nur die Not des Augenblicks dem verantwortlichen Staatsführer, sich von moralischen Bindungen frei zu machen« (D LIV). Dabei weiß Machiavelli so gut wie Thukydides, »dass sich die politische Praxis zu allen Zeiten jenseits von Gut und Böse« (D LX) vollzieht.

 

Fuss       Fussnoten:

4 um 400 vor Christus

5 In der Ausgabe des »Fürsten« von Johann Gottlob Regis von 1842 findet man an dieser Stelle eine vielleicht trefflichere Übersetzung: »Es ist gewiss sehr in der Ordnung und ein natürliches Verlangen, dass man sich zu vergrößern wünscht« (Seite 12).

 

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