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Robert Bauer
- Haßmersheim -
Druckausgabe der Webseite: www.robert-bauer.eu (Druck: Monday, 17.05.2021)

Der Schein und die Ästhetik der Macht bei Machiavelli und Nietzsche

4.1.2 Platon und die Philosophenkönige

Eine Beziehung zwischen Platon und Machiavelli ist nicht wie bei Thukydides auf den ersten Blick zu erkennen. So wird im »Discorsi« nur einmal ein Schüler des Plato namentlich erwähnt (vgl. D 301). Dennoch sind bereits bei dieser wohl einflussreichsten Persönlichkeit der Geistesgeschichte interessante Aspekte, welche bei Machiavelli dargestellt werden, vorhanden. So entwirft Platon in seinem Hauptwerk »Politeia« eine idealistisch-utopische Staatstheorie, wo für den »obersten Stand strenge Kriterien der Auswahl und der Lebensführung« (Weber-Fas 25) gelten müssen. Er überträgt dort die Leitung des Staates den Philosophen, weil seiner Meinung nach »derjenige Staat, in dem die zur Herrschaft Bestimmten am wenigsten darauf erpicht sind zu herrschen, ... unbedingt am besten verwaltet [sei] und ... am sichersten vom Bürgerkrieg verschont [bliebe] ... Denn jeder von ihnen wird das Herrscheramt nur als eine ganz unerlässliche Pflicht übernehmen« (S 278). Nur in einer solchen Staatskonzeption kann das zentrale Anliegen der Idee der Gerechtigkeit als übergeordnete Tugend verwirklicht werden. Nur Philosophen haben laut Platon das nötige Wissen um die Idee des Guten, da bei ihnen der vernünftige Anteil neben Muthaftigkeit und Begierde im Dreigespann der menschlichen Seele überwiegt (vgl. Wiki-Politeia).

Machiavelli hat eine ebenso klare, wenn auch völlig anders positionierte Vorstellung vom Staat. Im »Fürsten« geht es ihm um den »principe nouvo«, den wahren tugendhaften Fürsten und so wird dieser als Typus zu einem humanistischen Konstrukt, welcher nur in der Vergangenheit und Zukunft platziert werden kann (vgl. Hoeges 171f, 177). Viele Staatsmänner erfüllen einige Voraussetzungen, aber eben nicht alle. Mehr dazu später.

Interessanterweise gesteht Platon den Herrschenden ebenfalls zu, in gewisser Weise den Schein und die Ästhetik der Macht für sich zu verwenden: Als Führer der Bürger zum gerechten Staat in innerer Einheit und Harmonie – sei es mit Güte oder mit Gewalt – »sind den Regenten im allgemeinen Interesse ... auch Lügen und Täuschungen erlaubt« (Weber-Fas 27). Eine bedeutende Rolle spielt dabei die angemessene und glaubwürdige Verpackung: Wichtig ist, »dass den Gesetzen Proömien vorangestellt werden, die deren Notwendigkeit erläutern und die Bürger zu williger Zustimmung und Befolgung veranlassen« (Fenske 80).

Freilich befriedigen solche Maßnahmen nur die politisch notwendigen Erfordernisse in der Polis, denn im Grunde unterscheiden sich Platon und Machiavelli an dieser Stelle sehr deutlich von einander. Platon beschreibt den Gerechten als eine Person, die nicht nur gut scheinen, sondern auch tatsächlich gut sein will. Entsprechend ist die größtmögliche Ungerechtigkeit die, gerecht zu scheinen, ohne es wahrhaftig zu sein. Vor der Gründung eines gerechten Staates »wird der Gerechte gegeißelt, gefoltert, in Ketten gelegt ... und schließlich wird er ... so zu der Einsicht gebracht werden, dass es nicht das Richtige ist, gerecht sein zu wollen, sondern es scheinen zu wollen« (S 53f). Denn »jeder, der sich stark genug fühlt zum Unrechttun, der tut es auch, wo sich Gelegenheit dazu bietet« (S 51). An dieser Stelle driftet nun die Konzeption des Florentiners von der des Atheners ab. Während der Grieche diesen ungerechten Zustand um der Idee des Guten und der Notwendigkeit der Vernunft willen durch Einsetzung von Philosophenkönigen entkommen will, integriert der Italiener diese natürliche Gegebenheit des menschlichen Egoismus auf geschickte Weise in seine Konzeption. Die Begründung hierfür wird in Kapitel 4.2 geliefert.

 

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