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Robert Bauer
- Haßmersheim -
Druckausgabe der Webseite: www.robert-bauer.eu (Druck: Monday, 17.05.2021)

Der Schein und die Ästhetik der Macht bei Machiavelli und Nietzsche

4.1.3 Aristoteles und der Hass der Bevölkerung

Wie bei Platon darf bei Aristoteles nur tugendhaften (oder reichen) Bürgern die Verantwortung über den Staat anvertraut werden. Ließe man andere an den höchsten Ämtern teilhaben, dann wäre dies für das Gemeinwohl gefährlich. »Noch bedenklicher erscheint es ihm, die große Mehrzahl der Bürger von der Teilnahme an politischen Entscheidungen völlig auszuschließen. Denn dann würde die Menge der Ehrlosen und Armen so zahlreich, dass der Staat voll von Feinden sei ... Demgemäß würden Bürger, deren Macht übermäßig zu sein scheine (durch Reichtum, viele Freunde oder politischen Einfluss anderer Art) für eine bestimmte Zeit aus dem Staate entfernt« (Weber-Fas 34).

Diese Gefahren sieht Machiavelli auch, indem er darauf hinweist, wie problematisch es ist, in einem Staate eine neue Ordnung einzuführen: »Denn der Neuerer hat alle die zu Feinden, die sich bei den alten Gesetzen wohlbefinden, und er hat an denen nur zaghafte Verteidiger, die sich von den neuen Gesetzen Vorteile erhoffen. Dieses Zaudern kommt zum Teil von der Furcht vor den Gegnern, die die Gesetze auf ihrer Seite haben, und zum Teil von der Ungläubigkeit der Menschen: Wirkliches Vertrauen haben sie nicht zu den neuen Verhältnissen, wenn sie diese nicht durch lange Erfahrung gesichert sehen« (P 35) und somit selbst ihren Beitrag dazu geleistet haben. Außerdem ist es immer so, »dass das Volk nicht von den Großen beherrscht und unterdrückt zu werden wünscht und dass die Großen Herr über das Volk sein und es knechten wollen« (P 47). Wehrt sich die breite Masse zu energisch gegen diese Unterdrückung, dann erheben die einflussreichen Bürger einen aus ihrer Mitte zum Fürsten, »damit sich in seinem Schatten ihre Leidenschaft austoben kann« (P 47). Folglich befindet sich der Fürst in einer Gesellschaft mit einigen anderen, die sich seiner ebenbürtig fühlen, was ihn de facto handlungsunfähig macht, da diese ihm nicht gehorchen werden. Machiavelli schreckt bei solchen Störenfrieden auch nicht vor der letzten Konsequenz zurück: Gegen solche Schwierigkeiten im Inneren gibt es »kein durchschlagenderes, wirksameres, heilsameres und notwendigeres Mittelfuss 6 als die Söhne des Brutus umzubringen« (D 58). Diesen war die Freiheit des Volkes zur eigenen Unfreiheit geworden und so verschwörten sie sich gegen das Vaterland. »Wer daher die Führung eines Volkes übernimmt ... und sich nicht vor den Gegnern der neuen Ordnung sichert, gründet ein Staatswesen von nur kurzer Dauer« (D 58).

Zu dieser Sicherung vor den Gegnern gehört auch, dass man sich bei seinen Untertanen nicht verhasst macht. So schreibt Aristoteles in der »Politik«, dass Hass und Verachtung die beiden Ursachen sind, die am meisten zu einer Auflehnung gegen den Herrscher führen und Machiavelli widmet ein ganzes Kapitel diesem Thema: »19. Kapitel – Verachtung und Hass sind zu meiden« (P 73). Im »Discorsi« sieht er den Hass als die Hauptursache für Verschwörungen gegen Machthaber, denn ein solcher »hat natürlich auch einzelne Feinde, die von ihm besonders verletzt worden sind und nach Rache dürsten« (D 286). Dabei erkennt jedoch Niccolò im Gegensatz zu Aristoteles, »dass man sich den Hass durch gute ebenso wie durch schlechte Taten zuziehen kann« (P 77). »Die Fürsten müssten die mit Hass verbundenen Angelegenheiten auf die anderen abwälzen und die mit Dank verbundenen selber tunfuss 7« (P 75). Es kommt also wieder einmal nicht auf die Handlung an sich an, sondern auf ihre Wirkung auf die Menschen.

Auch Aristoteles gesteht, dass ein Tyrann teils so wie ein guter König zu handeln scheinen soll, indem er die Rolle eines solchen spielt. Dem steht bei Machiavelli gegenüber, dass ein Fürst, der aus praktischen Gründen nicht alle Eigenschaften gleichzeitig besetzen kann, welche die Untertanen für gut halten und auch aus Gründen der Staatssicherung nicht immer besetzen darf, einen Geist besitzen muss, »der sich nach dem Wind und nach dem Wechsel des Schicksals drehen kann und der, falls es möglich ist, nicht vom Wege des Guten abweicht, aber in Zwangslagenfuss 8 auch das Böse zu tun versteht« (P 72).

 

Fuss       Fussnoten:

6 Wieder kommt die Notwendigkeit ins Spiel.

7 Für Machiavelli ergibt sich dieser Gedanke aus der Erfahrung. Heutzutage können solche Phänomene in der Psychologie tatsächlich nachgewiesen werden. So besagt zum Beispiel die Lerntheorie, dass die Kombination einer Person mit negativen Reizen zu Antipathie führen kann. Folglich sollten gute Nachrichten immer persönlich und schlechte Nachrichten immer durch andere überbracht werden.

8 Wieder kommt die Notwendigkeit ins Spiel.

 

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