Logo
Robert Bauer
- Haßmersheim -
Druckausgabe der Webseite: www.robert-bauer.eu (Druck: Monday, 17.05.2021)

Der Schein und die Ästhetik der Macht bei Machiavelli und Nietzsche

4.1.4 Cicero und der Irrtum über die Heuchelei

Um solchen Zwangslagen zu entrinnen, müssen Veränderungen im staatlichen Gemeinwesen vorausgesehen und politisch gelenkt werden. Laut Cicero ist dies »die Sache eines großen Bürgers und eines fast göttlichen Mannes ... [und so ist das] ... Heil der Staaten ... auf die Einsicht, Erfahrung und Führungskunst der Besten gegründet, doch diese Fähigkeiten könnten nur wenige besitzen und nur von wenigen beurteilt werden« (Weber-Fas 41f). Wie Machiavelli erkennt er, dass die Menge mit ihren verkehrten Vorstellungen dazu neigt, mächtige oder reiche Menschen für die besten zu halten. Dazu Machiavelli: »die Menschen beginnen in ihrer Kurzsichtigkeit mit einer Sache, weil sie Gutes verheißt, und bemerken nicht das darin verborgene Gift« (P 61). Ebenfalls stimmt er mit der erstgenannten Aussage Ciceros überein: Alle klugen Fürsten müssen »nicht nur auf die gegenwärtigen Unruhen Rücksicht ... nehmen, sondern auch auf die zukünftigen« (P 26). Diesen muss dann um der Vorbeugung willen mit aller Energie entgegen gearbeitet werden.

Trotz dieser Übereinstimmungen gibt es im Denken der beiden Staatsphilosophen mehr Gegensätze als Gemeinsamkeiten. Beginnen wir bei den tierischen Eigenschaften der Menschen: Um die Herrschaft zu sichern reicht es oft nicht aus, auf die Gesetze zu vertrauen. Die Gewalt wird wieder zu einer Notwendigkeit und diese Kampfweise kommt eigentlich den Tieren zu. »Daher muss der Fürst gut verstehen, Mensch oder Tier zu spielen; ... eines ohne das andere birgt keine Dauer« (P 71). Den symbolischen Aspekt im Hinterkopf wählt Machiavelli exemplarisch zwei Stellvertreter aus: »Er muss also Fuchs sein, um die Schlingen zu kennen, und Löwe, um die Wölfe zu schreckenfuss 9« (P 71). Die meisten seiner philosophischen Vorgänger waren genau vom Gegenteil überzeugt. Namentlich bei Cicero »gibt es zwei Arten, auf die Unrecht getan werden kann: entweder durch Gewalt [Löwe] oder durch Betrug [Fuchs]« (Skinner 70). So behauptet dieser in »De officiis«, dass es »einige Handlungen gibt, die ... so schlecht sind, dass kein Weiser sie begehen würde, nicht einmal, um sein Land zu retten« (Skinner 93). Als Beispiel wird der Brudermord des Romulus als unverzeihliches Verbrechen bezeichnet. Machiavelli sieht das entgegengesetzt: Im Dienste des Vaterlandes muss Romulus zwangsläufig die uneingeschränkte Macht bekommen und so wird nie »ein kluger Kopf einen Mann wegen einer außergewöhnlichen Handlung tadeln, die er begangen hat, um ein Reich zu gründen ... Spricht auch die Tat gegen ihn, so entschuldigt ihn doch der Erfolg ... Denn nur wer Gewalt braucht um zu zerstören und nicht, wer sie braucht um aufzubauen, verdient Tadel« (D 36f). Denn wo »es um das Wohl ... des Vaterlandes geht, darf man nicht überlegen, ob es recht oder unrecht, mild oder grausam, löblich oder schändlich ist« (D 395).

Vielleicht liefert ja die Aussage Ciceros, dass die Furcht im Gegensatz zur Liebe »nur eine armselige Garantie für die Macht« (Skinner 79) sei, die Anregung für die wohl am häufigsten zitierte Frage im »Il Principe«, »ob es besser sei, geliebt als gefürchtet zu werden oder umgekehrt« (P 68). Machiavelli bringt bei der Beantwortung seine völlige Ablehnung gegen die klassische Antwort Ciceros zum Ausdruck: »Man sollte beides werden. Aber da es schwer ist, beides zugleich zu sein, ist es viel sicherer, gefürchtet als geliebt zu sein« (P 68). Aufgrund des Egoismus der Menschen (vgl. Kapitel 4.2.2) kann er vom Volk vor allem in der Not nichts erhoffen, wenn seine Beziehung nur auf der Liebe beruht, »denn die Liebe wird von der Fessel der Dankbarkeit zusammengehalten, die ... sofort zerbricht, wenn der Eigennutz im Spiele ist; aber die Furcht erhält sich durch die Angst, bestraft zu werden, die niemals aufhört« (P 69). Dass diese Angst nicht in Hass umschlagen darf haben wir bereits erörtert.

Cicero versucht ein weiteres Mal die Notwendigkeit der Moral in den Herrschern zu verankern, indem er darauf beharrt, »dass Anstand "für die honestas wesentlich" sei« (Skinner 81). Doch auch diesmal hat er keine Chance gegen Machiavellis Scharfsinn: Ein kluger Fürst schützt sich vor üblen Nachreden, wenn er solche Eigenschaften nicht besitzt »und auch vor denen, die ihm die Herrschaft nicht gefährden können, soll er sich nach Möglichkeit hüten; kann er das aber nicht, so kann er sich hierin rücksichtsloser gehenlassen« (P 65).

Indem Cicero erklärt, dass jeder, »der glaubt, dass wir dauernden Ruhm durch Heuchelei gewinnen können« (Skinner 75f), im Irrtum ist, begibt er sich selbst in einen Irrtum. Seiner Meinung nach ist aller erheuchelte Ruhm nicht von langer Dauer. Aber das macht den Schein der Macht doch gerade aus: die Heuchelei wird nicht in naher Zukunft aufgedeckt, sondern durch ihre kluge Einfädelung entwickelt sie sich zu einer neuen Wahrheit, die von außen nicht mehr zu erkennen ist. Freilich ist dazu nicht jeder in der Lage, nur »Il Principe« schafft das!

 

Fuss       Fussnoten:

9 Die literarische Wirkung dieser Löwen-Fuchs-Metapher reicht bis zu Goethes »Reineke Fuchs« und W. Raabes »Hungerpastor«. Man beachte dazu auch das Titelbild dieses Textes.

 

» Inhalt       » zurück      » vor       » Quellen

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Gemäß dem Urheberrechtsgesetz (§51 UrhG) kann aber gerne aus diesem Text - mit Quellenangabe und Verweis auf den Autor - zitiert werden. Als Quelle bitte angeben: http://www.robert-bauer.eu/machiavelli.php