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Robert Bauer
- Haßmersheim -
Druckausgabe der Webseite: www.robert-bauer.eu (Druck: Saturday, 18.09.2021)

Der Schein und die Ästhetik der Macht bei Machiavelli und Nietzsche

4.2.3 Virtù – die Fürstentugend

Machiavelli will aber entgegen dieser Zwietracht ein geeintes und stabiles Italien. Und da er mit seinem Traktat den Mächtigen Tipps geben will, wie sie dies erreichen können, muss er voraussetzen, dass es mindestens eine gewisse menschliche Eigenschaft gibt, welche diesen Egoismus übertrumpft. Ansonsten würden seine ganzen Betrachtungen ins Leere laufen. Dieses positive Attribut ist nun »virtù«fuss 14, »die Eigenschaft, die einen Fürsten in den Stand setzt, den Schlägen der Fortuna standzuhalten, sich der Gunst dieser Göttin zu versichern und sich infolgedessen zu den Höhen fürstlichen Ruhmes emporzuschwingen, indem er Ehre und Ruhm für sich und Sicherheit für seine Regierung gewinnt« (Skinner 63).

Eine grundlegende Rolle spielt diese Tugendhaftigkeit bereits zu Beginn einer neuen Herrschaftfuss 15: »Sie ist die Kraft, einen Staat zu begründen und zu festigen. Ihre Träger besitzen unbändigen Willen, verbunden mit politischer Klugheit« (P 102). Machiavelli hebt dabei ganz gewisse Persönlichkeiten hervor: »Um nun aber zu denen zu kommen, die auf Grund der eigenen Tüchtigkeit und nicht durch ihr Glück Fürsten geworden sind, nenne ich als die Berühmtesten: Moses, Cyrus, Romulus, Theseus ... Prüft man ihre Handlungen und ihr Leben, so sieht man, dass sie vom Glück nur die Gelegenheit erhielten ... Ohne diese Gelegenheit wäre ihre Geisteskraft zwecklos geblieben, und ohne ihre Tüchtigkeit wäre die Gelegenheit vergeblich gekommen« (P 34). Ohne »virtù« erkennt man die meisten Gelegenheiten nicht. Sie verfallen und können nicht genutzt werden oder führen sogar zum Untergang. Man muss also diese »virtù« immer im Zusammenspiel mit den bereits oben erörterten Begriffen »fortuna« und »occasione« betrachten. All diese Begriffe »bilden eine Trias sich bedingender Funktionselemente, in der jedes für sich nichts ist« (Hoeges 158). Die Fähigkeit, alles zu tun, was die Notwendigkeit verlangt, wird zum definierenden Merkmal eines wahrhaft tugendhaften Fürsten und deshalb kann nur jemand als tugendhaft gelten, wenn er »die Absicht hat, nicht sich, sondern dem Allgemeinwohl, nicht seiner Nachkommenschaft, sondern dem gemeinsamen Vaterland zu dienen« (D 36)fuss 16.

 

Fuss       Fussnoten:

14 Tugend, Tapferkeit, Tüchtigkeit oder Wirkungskraft

15 Diese Gedanke ist Ende des 15. Jahrhunderts weit verbreitet: der Besitz von »virtù« ist der Schlüssel zum Erfolg eines Fürsten (vgl. Skinner 61f).

16 Dies müsste man ein wenig differenzieren: ... nicht nur sich, sondern auch dem Allgemeinwohl, nicht nur seiner Nachkommenschaft, sondern auch dem gemeinsamen Vaterland ... Meiner Meinung nach hat es niemals eine Person gegeben und wird es auch nicht geben, die diese relativ idealistische Forderung Machiavellis erfüllen kann. So entsteht für mich diese »virtù« aus dem Egoismus und ist ihm nicht entgegengesetzt.

 

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