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Robert Bauer
- Haßmersheim -
Druckausgabe der Webseite: www.robert-bauer.eu (Druck: Monday, 17.05.2021)

Der Schein und die Ästhetik der Macht bei Machiavelli und Nietzsche

4.3 Die Religion als Stütze der Zivilisation

Um ein stabiles Vaterland zu etablieren, muss nun ebenso die Bevölkerung dazu gebracht werden, auch ihrem Staat zu dienen. Aber Machiavelli geht ja davon aus, »dass die Menschen nur von der Not gezwungen etwas Gutes tun« (D 18). Wie können sie also dazu getrieben werden, ein Interesse am Gemeinwohl zu haben? An dieser Stelle kommt die Religion ins Spiel. Der Schlüssel dieses Problems liegt nämlich darin, »dass die Bürger "wohlgeordnet" sind« (Skinner 102). Um diese Wohlordnung herzustellen, muss den Menschen etwas gegeben werden, was sie dazu bringt, nicht mehr ihre persönlichen Probleme als das Wichtigste anzusehen, denn dann würden sie nach dem egoistischen Grundprinzip nur versuchen, diese umzusetzen. Wird nun die Religion oder der Glaube an diese Stelle gesetzt, handeln die Menschen zwar noch immer eigennützig, aber eben mit dem Nebeneffekt, der Allgemeinheit zu dienen. Die Religionfuss 17 wird zur unentbehrlichen »Stütze der Zivilisation« (D 43).

Machiavelli führt hier als positives Beispiel die Römer an. Dort führte die etablierte Gottesfurcht dazu, »dass die Bürger sich mehr scheuten, einen Schwur zu brechen als die Gesetze zu verletzen, da sie die göttliche Macht höher achteten als die der Menschen« (D 43).

Freilich ist der Florentiner dabei nicht an der Frage der religiösen Wahrheit an sich interessiert; die Religion wird Mittel zum Zweck. Sie »soll als Dienerin der Herrschaft walten, als eine Gendarmerie für die Seelen der kleinen Leute, ... für die Ehrlichkeit des kleinen Mannes ... Sie müssen in die Sache ein wenig Religion mischen, um die Leute gehorsam zu machen« (Marcu 68f), schreibt Niccolò bereits in seiner Amtszeitfuss 18.

Und wieder spielt der Schein und die Inszenierung eine große Rolle: Die Römer machten ihre Kriegshandlungen von gewissen Zeichen abhängig, welche als die Empfehlungen der Götter gewertet wurden: »Wenn die Hühner fraßen, so kämpfte man mit einem guten Vorzeichen, fraßen sie nicht, so enthielt man sich des Kampfes. Gebot jedoch die Vernunft, ein Unternehmen durchzuführen, so wurde es auch bei ungünstigen Auspizien ... durchgeführt; doch man verdrehte die Sache ... so geschickt, dass nichts unter Missachtung der Religion zu geschehen schien« (D 53). »Mittels der Religion kann man [also] im Sinne der Stabilitätsperspektive von politischer Herrschaft das Volk legitimatorisch am besten bei der Stange halten« (Stammen 302).

 

Fuss       Fussnoten:

17 Obwohl Machiavelli auch stark die Institution der Kirche seiner Zeit kritisiert: »Unsere Religion«, schreibt er, »hat mehr die demütigen ... Menschen als die tätigen selig gesprochen ... Sie hat das höchste Gut ... in die Verachtung des Irdischen gesetzt ... Sie verlangt Stärke im Leiden und nicht in kraftvollen Taten ... Diese Lebensweise scheint ... die Welt geschwächt ... und sie den Bösewichten zur Beute gegeben zu haben« (Marcu 68). Solche Töne werden wir später auch bei Nietzsche wieder finden (vgl. Kapitel 6).

18 Jean-Paul Sartre schildert in seinem berühmten Roman »Der Ekel« meines Erachtens eine sehr treffende Situation. Dort geht es um einen alten Greis, der im Sterben liegt, aber allen Versuchen zum Trotz hartnäckig die Sterbesakramente verweigert. Nun kommt zufällig der völlig ungläubige Herr de Rollebon vorbei. Er schließt mit dem Priester vor Ort eine Wette ab und behauptet, »dass er in weniger als zwei Stunden den Kranken wieder zum Christentum zurückführen werde« (E 22). Der Pfarrer hält die Wette, verliert aber wie angekündigt nach kurzer Zeit. Nun möchten die Anwesenden wissen, wie diese Sinneswandlung von Statten ging. Daraufhin Herr de Rollebon: »ich habe ihm Angst vor der Hölle gemacht« (E 22).

 

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