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Robert Bauer
- Haßmersheim -
Druckausgabe der Webseite: www.robert-bauer.eu (Druck: Monday, 17.05.2021)

Der Schein und die Ästhetik der Macht bei Machiavelli und Nietzsche

6.2 Die Macht des Scheins

Wie bei Machiavelli kommt auch bei Nietzsche dem Schein (im politischen Sinne) eine bedeutende Rolle zu. Bereits in der »Geburt der Tragödie« breitet sich ein Geist aus, »der sich einmal auf jede Gefahr hin gegen die moralische Ausdeutung und Bedeutsamkeit des Daseins zur Wehr setzen wird ... Hier kündigt sich , vielleicht zum erstem Male, ein Pessimismus "jenseits von Gut und Böse" an ... – eine Philosophie, welche es wagt, die Moral selbst in die Welt der Erscheinung zu setzen, ... unter die Täuschungen, als Schein, Wahn, Irrtum, Ausdeutung, Zurechtmachung, Kunst« (T 14). Dass die Ästhetik bei Machiavelli als ein Instrument der Macht gilt, ist den Menschen wieder einmal nicht bewusst. Nietzsche stellt sie und die Moral zurück an den rechten Platz.

Andererseits ist aber vielleicht auch gerade der »Glaube an diese oder jene Motive [zum Beispiel Moral], also das, was die Menschheit sich selber als die eigentlichen Hebel ihres Tuns bisher ... eingebildet hat, etwas noch wesentlicheres für den Erkennenden« (W 74). Die Motive eines Herrschers, welche er dem Volk glaubend macht und nicht die tatsächlichen Motive lassen die Ästhetik der Macht arbeiten. »Alles dies letztere hat ein Interesse zweiten Ranges« (W 74).

Auch der Abschnitt »Was andere von uns wissen« in der »Fröhlichen Wissenschaft« zeigt, wie viel Einfluss Machiavelli (»Jeder sieht, wie du zu sein scheinst, wenige fühlen, was du bist« (P 72)) auf Nietzsche hat: »Eines Tages stürzt das, was andere von uns wissen (oder zu wissen meinen) über uns her – und jetzt erkennen wir, dass es das Mächtigere ist. Man wird mit seinem schlechten Gewissen leichter fertig als mit seinem schlechten Ruf« (W 79). Aber was kann man auch selbst schon über einen Anderen sagen »als eben nur die Prädikate seines Scheins« (W 80). Also: »wer etwas erreichen will, sagt was er über sich gedacht haben will, nicht aber was er denkt« (M 257)!

Dennoch geht Nietzsche weiter als Machiavelli: Wo beim Renaissance-Philosophen auf der Grundlage einer instrumentellen Rationalität (vgl. Kapitel 4.1.5) noch die Tugendhaftigkeit den wahren Meister der Verstellung hervorbringt, da schreibt Nietzsche das Gegenteil: »Mit der Tugend selbst gründet man nicht die Herrschaft der Tugend; mit der Tugend selbst verzichtet man auf Macht, verliert den Willen zur Macht« (M 215). An die Stelle der »virtù« setzt Nietzsche einen dionysischen »Instinkt«: »Die Falschheit mit gutem Gewissen; die Lust an der Verstellung als Macht herausbrechend, den so genannten Charakter beiseite schiebend; ... das innere Verlangen in eine Rolle der Maske, in einen Schein hinein ... [Dieser Instinkt] ... befähigt allmählich, den Mantel nach jedem Windefuss 36 zu hängen und dadurch fast zum Mantel werdend, als Meister jener einverleibten und eingefleischten Kunst des ewigen Verstecken-Spielens« (W 253) den Schein von Grund auf zu verwenden. Auch in »Jenseits von Gut und Böse« beschreibt er diese »nicht unbedenkliche Bereitwilligkeit des Geistes, andre Geister zu täuschen und sich vor ihnen zu verstellen: ... der Geist genießt darin seine Masken-Vielfältigkeit und Verschlagenheit« (J 695). Diesem Willen zum Schein, zur Vereinfachung, zur Maske begegnen wir auch im Willen zur Macht, in welchem dieser Instinkt des Scheins seine Begründung findet.

 

Fuss       Fussnoten:

36 Vom Geist, der sich nach dem Winde dreht, spricht auch Machiavelli (vgl. Kapitel 4.1.3).

 

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