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Robert Bauer
- Haßmersheim -
Druckausgabe der Webseite: www.robert-bauer.eu (Druck: Saturday, 18.09.2021)

Der Schein und die Ästhetik der Macht bei Machiavelli und Nietzsche

6.3 Der Wille zur Macht

Für Nietzsche gibt es keinen primären Willen zum Dasein, nicht einen Selbsterhaltungstrieb wie bei vielen anderen Philosophen, sondern einen »Wille[n] zur Akkumulation von Kraft« (M 466): »Nur, wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben, sondern ... Wille zur Macht« (Z 95). Wir sollten acht geben, wenn wir den Selbsterhaltungstrieb als den allerwichtigsten aller Triebe postulieren wollen, denn vor »allem will etwas Lebendiges seine Kraft auslassen – Leben selbst ist Wille zur Macht –: die Selbsterhaltung ist nur eine der indirekten und häufigsten Folgen davon« (J 577).

Insbesondere erkennt man gerade am organischen Wesen – man braucht dafür nur einen Blick aus dem Fenster oder durch ein Mikroskop zu werfen – dass das Lebendige alles daran setzt, mehr zu werden – auch wenn es dafür manchmal sogar mit dem eigenen Leben bezahltfuss 37. Dieser Wille zur Veränderung und Steigerung des Daseins wirkt im Mechanischen, Chemischen, Organischen, Geistigen, Sozialen, Ethischen und Ästhetischen – und zwar als Tendenz oder Streben alles Treibenden und es gilt grundsätzlich, dass »alle treibende Kraft Wille zur Macht ist, dass es keine physische, dynamische oder psychische Kraft außerdem gibt« (M 465).

Das Ich ist nichts als verkörperter Wille zur Macht. Nichts am Leben hat Wert als der Grad der Macht, welcher so zum höchsten Wertmesser avanciert. »Alles Geschehen aus Absichten ist reduzierbar auf die Absicht der Mehrung von Macht« (M 443).

Der bewusste Wille ist dabei aber nichts Einfaches, er besteht vielmehr aus Gefühlen, Affekten, Strebungen und so weiter. So werden Aneignen, Herrschen, Kommandieren, Mehr-Werden, Stärker-Werden zum Kern des Seins (vgl. J 600ff).

Die dionysische Leidenschaft kommt also zum Durchbruch als die unbezwingbare Sehnsucht nach machtvollem, herrschendem, mitleidlos niederwerfendem Ausleben der Persönlichkeit, »deren Essenz Willen zur Macht ist« (J 645). Diesen stärksten Instinkt des Menschen gilt es zu bejahen. Diese bedingungslose Bejahung sprengt aber das Regelsystem, in das sich die bisherige Kultur samt der darin enthaltenen Wert- und Moralvorstellungen eingesponnen hat.

Betrachten wir als Beispiel die Religion. »Wenn man den christlichen Glauben aufgiebt, zieht man sich damit das Recht zur christlichen Moral unter den Füssen weg ... Das Christenthum ist ein System, eine zusammengedachte und ganze Ansicht der Dinge. Bricht man aus ihm einen Hauptbegriff, den Glauben an Gott, heraus, so zerbricht man damit auch das Ganze: man hat nichts Nothwendiges mehr zwischen den Fingern. Das Christenthum setzt voraus, dass der Mensch nicht wisse, nicht wissen könne, was für ihn gut, was böse ist: er glaubt an Gott, der allein es weiß« (GD 5).

Das neue Ideal, das durch den verlorenen Glauben nicht mehr auf gegebene Definitionen für das Menschsein zurückgreifen kann, ist in diesem Sinne jenseits von Gut und Böse. Der Wille zur Macht kennt keine Grenzen des Erlaubten: ihm ist alles gut, was aus der Macht stammt und die Macht erhöht, alles schlecht, was aus der Schwäche stammt und die Macht schwächt. Und ebenso kommt es bei unseren Urteilen, in der Erkenntnis und in der Überzeugung, nicht darauf an, ob sie wahr sind, sondern ob sie uns helfen, ob sie unser Leben fördern und unsere Macht erhöhen. Nur dann haben sie Wert, wenn sie uns stark machen. »Nichts ist wahr, alles ist erlaubt« (Z 222). Hier beginnt daher die oft zitierte Umwertung aller Werte - hier wird der Philosoph zum Reformator der Moral, zum Gesetzgeber, zum Schöpfer einer neuen Kultur: »Die eigentlichen Philosophen ... sind Befehlende und Gesetzgeber: Sie sagen "so soll es sein!", sie bestimmen erst das Wohin? und Wozu? des Menschen ... – sie greifen mit schöpferischer Hand nach der Zukunft ... Ihr "Erkennen" ist Schaffen, ihr Schaffen ist eine Gesetzgebung, ihr Wille zur Wahrheit ist – Wille zur Macht« (J 676fuss 38).

 

Fuss       Fussnoten:

37 Man denke hier beispielsweise an Schmarotzer (parasitische Pflanzen, zum Beispiel Teufelszwirn oder Sommerwurze), die sich an ihren Wirtspflanzen festsaugen und diesen alle wichtige Stoffe entnehmen. Dies kann in einigen Fällen zum Absterben des Wirtes führen, was damit letztlich dem Schmarotzer selbst die Lebensgrundlage nimmt. Oder man denke an das immer weiter wuchernde Horn eines Rindes, das sich kräuselt und schließlich dem Rind das Auge aussticht.

38 Siehe auch W 647 (fast identisch).

 

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