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Robert Bauer
- Haßmersheim -
Druckausgabe der Webseite: www.robert-bauer.eu (Druck: Saturday, 18.09.2021)

Der Schein und die Ästhetik der Macht bei Machiavelli und Nietzsche

6.5 Vom schöpferischen Übermenschen

Aber woher stammt dieses Interesse für das Höchste und Größte, für das Heroische? Nietzsches Ausgangspunkt für solche Fragestellungen ist die Bewältigung des Leidens innerhalb menschlicher Kulturen – und das sicherlich nicht zuletzt auch wegen der existentiellen Bedeutung dieses Leidens für sein eigenes Lebenfuss 39. Für ihn gibt es »keine Größe ohne die Bereitschaft und Fähigkeit, eine ungeheure Menge Schmerz zu ertragen, in sich aufzunehmen und das Beste daraus zu machen« (Tanner 43). Wie bei Machiavelli trennt sich hier die Spreu vom Weizen. Der Übermensch ist im Unterschied zu anderen in der Lage, die Umstände und Gegebenheiten wahrzunehmen, zu nutzen und in die weiteren Handlungen mit einzubeziehen.

Trotz dieser brachialen Ausrufe bleibt das Ideal des Übermenschen in poetischer Verschwommenheit und Unbestimmtheit. In der einen Richtung ist es die große Individualität, die der Masse gegenüber ihr Urrecht geltend macht. Das Herdenvieh ist nur dazu da, dass sich aus ihm als seltener Glücksfall hin und wieder ein Übermensch erheben kann. Alle anderen Menschen, die nicht so viel schöpferische Kraft in sich spüren, werden »ein Moralprinzip, das sie verpflichtet, ihren eigenen Weg zu gehen, schlicht nicht befolgen können, weil sie offensichtlich keinen "Weg" haben – sie haben Fähigkeiten, Bedürfnisse, Ängste und Probleme, aber kein Ziel, das sie als Individuum auszeichnet« (Tanner 66f). Indem Nietzsche zur Veranschaulichung seiner neuen Moral des Übermenschen auf Zarathustra als lachenden Philosoph verweist, zeigt er uns aber dennoch, wie die Umwertung aller Werte zu einer Genesung für uns alle werden kann (vgl. Burckhart 74). Diese unvergleichliche Souveränität des Einzelnen kann (muss aber nicht) nun auch für die Inszenierung des Scheins und der Ästhetik der Macht genutzt werden.

Die Provokation dieses schrankenlosen Individualismus gipfelt in der Behauptung der Relativität aller Werte. Nur der Machtwille des Übermenschen bleibt als der absolute Wert bestehen und sanktioniert jedes Mittel, das er in seinen Dienst stellt. Es gibt für den höheren Menschen – abgesehen von der neuen Moral – keine Norm mehr, weder eine logische noch eine ethische. An die Stelle der Autonomie der Vernunft und der instrumentellen Rationalität ist die Willkür des Übermenschen getreten.

Wenn Machiavelli letztlich die Identifizierung der Bürger mit dem eigenen, aufblühenden Staat erreichen will (vgl. Kapitel 5), dann will Nietzsche zwar weniger die Gesellschaft fördern, aber dennoch etwas ganz ähnliches: das Emporsteigen des Individuums mit virtuoser und schöpferischer Freiheit in ständigem Werden und Verbessern.

 

Fuss       Fussnoten:

39 Seit seiner Kindheit leidet Nietzsche an enormer Kurzsichtigkeit, extrem starken Migräneanfälle und Magenstörungen (vgl. Wiki-Nietzsche).

 

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